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Gegenwartslyrik

Auf diesen Seiten sind alle auf LiteratPro veröffentlichten Beiträge untergebracht, die in die Kategorie „Gegenwartslyrik“ eingeordnet werden konnten. Die Einordnung in die Kategorie Gegenwartslyrik wurde dabei von LiteratPro vorgenommen und entspricht nicht zwingend den eventuell fachlichen Einordnungen in Publikationen.

Bruder

Für Christian

Hast geweint, als der Vater schlug
Obwohl Du nicht betroffen warst

Hast Zinnsoldaten verschenkt
Obwohl Du es nicht nötig hattest

Hast die Puppen tanzen lassen

von: 
Anner Griem

Das Fenster

Geöffnet nach innen
Gespiegelt Dein Gesicht
Dazwischen, von Flügel
Zu Flügel, die Weite
Sich am Horizonte bricht
Zur Linie, die
Zeit tanzt auf ihr
Pittoresken, wirbelnd
Gardinen dazu

von: 
Anner Griem

Aquatisch

Der in den Wellen ertrunkenen Fische
Augen schimmern tags durch die Spiegel der Meere,
tags, wenn die Sonne den Himmel hineinwirft, sie suchen.

Mit Schwimmflossenhänden greift er nach losen

von: 
Verona Bratesch

Frau Schramm

schon vor der Jagd glich sie der scheuen Antilope
floh wie ein wundes Tier vor jederlei Gewalt
wir hofften sehr in ihrem Interesse
daß sie schnell hopps ging schon im Viehwaggon

von: 
Anna Rubin

HIPPI-WEIHNACHT

Ihr leuchtet kein Stern von Bethlehem !
Dafür der dreizackige einer Autofirma
Über Chromblitzen hochtouriger Wagen.
Statt kauendem Esel und rupfender Kuh,

von: 
Otto Bolte

DIE JUNGEN LIEBENDEN

Ach, die jungen Liebenden!
Sie suchen sich Plätze,
wo sie nebeneinander sitzen können.
Möglichst nahe, so, daß sie
die Wärmeströme ihres Blutes spüren.
Sie nähren sich weniger durch Worte,

von: 
Katharina Wiessner

Regen am Abend

Regen am Abend
aus seinen Pranken
sinken glasartige Gebilde
in die dämmrige Schale
der kommenden Nacht

Nebelfenster
im silbernen Flechtwerk
fallender Flüsse
Beatmete Dächer

von: 
LiteratPro.de

Kunst

Hallo, mein Schatz, schön, Dich zu sehen!
Wie geht's Dir nach dem letzten Streit?
Ich werde schnellstens in mich gehen
Und bin dann zum Gespräch bereit.

von: 
Andreas Moser

Krise

Die Krise entsteht in der Mitte,
Wo niemand im Walzer steht.
Man kennt alle Schritte und Tritte,
Glaubt man, und wie es so geht.

Die Mitte ergibt sich durch Drehen,

von: 
Andreas Moser

Blinder Fleck

Ich bin mein eigner blinder Fleck,
Was ich auch tu, ich geh nicht weg.
Ich bleibe für mich unsichtbar,
Was ich nicht wirklich bin und war.

Denn andre können mich gut sehn,

von: 
Andreas Moser

Du Untrennbare

Jerusalem, du Untrennbare,
liegst doch zerteilt
zu deiner Söhne Füßen.
Deine Mauern netzen
Tränen und Gewalt.
Nur eine fängt es
stetig auf, das Nass
aus tausendfachen Augen.

von: 
Perdita Klimeck

Mauer im Kopf

Du kriegst sie nicht weg,
so wenig wie
Kopfschmerzen:
Die Mauer im Kopf !

Auch zwanzig Jahre danach
lebt sie als Gespenst
im Bauch der Gefühle,
im Niemandskopf.

Blicke

von: 
Klaas Klaasen

Enigma

Wer bin ich?
Was ist unter dem Furnier
dieses verworfenen Jahrhunderts?
Endlich erreicht, das Jahr zweitausend,
wie sie den Himmel erleuchten,
kurz vor dem Quasar, dem schwarzen Loch.

von: 
Marianne Jankowski

Alte Frau - Oma Hoffmann

Die alte Fußbank und die Troddeldecke,
vielfach umsäumt, umstickt und eingefasst,
der Stuckkranzofen in der Zimmerecke,
das Sofa mit verblichner Kissenlast.

von: 
Marianne Jankowski

Tandem oder Paarlauf auf dem Velo

Für Johanna
Du vorne, ich hinten
In der Mitte eine Stange
Mit einem Butterbrot dran
Darunter ein Zahnrad

von: 
Anner Griem

Frühstück in Srebrenica

Frühstücke
Frühstücke
Die Marmelade, aus dem Garten
Der Salbei stand eben noch dort
Dieser Tag wird Dich schänden
Seine junge Frische - bereits verblichen

Langsames Dahingleiten:

von: 
Anner Griem

Die Unendlichkeit der Endlichkeit

Es gibt
Niemals einen Anfang
Niemals ein Ende
Es bewegt sich zwischen diesen
Beiden Polen in beständiger Manier
Dem Takt des Herzschlages gleich
Hin und her, verbindet so den

von: 
Anner Griem

Auf den Wiesen

Dass uns das Gras nicht verdorre
Wie eine alte Liebe, die sich
In den Banalitäten des Alltages
Verfangen, selbst zum Trocknen
Auf den Speicher hängt

Dass uns das Licht nicht erlösche

von: 
Anner Griem

Asphalt

Es war bestimmt
Euer Schicksal
Alte Herren, Freunde , Genossen
Hier ich – dort ihr
Auf Erden oder unter der Scholle
Nicht der Wechsel
Der Niedergang entsetzt
Wir, hingestellt und demaskiert

von: 
Anner Griem

Die Nacht hält den Atem an

Die Nacht hält den Atem an.
In ihr Horchen fallen Glockenschläge
von weit her - wunderzart,
als ob der Mond sich tönend bewege,
als ob der Wind seine liebsten Lieder
- uns -

von: 
Wera Goldman
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