Vitae Cursus
Einen "Lebenslauf" hat wohl jeder berufstätige Westeuropäer wenigstens einmal in seinem Leben zu erstellen. Bewerbungsunterlagen erfordern die Auflistung der Stationen der Ausbildungserfolge eines beruflichen Werdeganges. Oft vernachlässigt, aber zuweilen sogar gewünscht, wird Privates unter 'Hobby' oder 'sonstige Interessen' angefügt, auch familiäre Entwicklungsgeschichte soll erwähnt werden.
Ist das tatsächlich ein 'Lebenslauf', der (meist) tabellarisch über Grundschule, höhere Schule, Lehre, Studium, Praktikum und einer ersten Anstellung Auskunft darüber gegeben soll, wie geeignet ein Bewerber für diesen oder jenen Posten wäre?
Ist es von tatsächlicher Wichtigkeit, davon zu erfahren, dass ein Autor schon mit vier Jahren 'selbst' gedichtet und mit vierzehn Jahren in der Schülerzeitung eine erste Erzählung veröffentlicht hat?
Hilft es dem Leser, wenn er Veröffentlichungen, Preise, Auszeichnungen und Ehrungen im Anhang eines Buches aufgelistet sieht?
Vertieft es das Verständnis für einen Text, wenn über die Hintergrundinformationen vermittelt wird, dass es da zwei Ehen und vier Kinder gibt?
Der Lebenslauf ist dennoch auch im künstlerischen Bereich fest verankert. Jeder Neu-Autor reicht seine Leseprobe zu einem Manuskript zusammen mit einem Exposé ein, um sein Werk vorzustellen … und mit einer kurzen Künstler-Vita - Vitae Cursus (VC), Curriculum Vitae (CV), dem Lebenslauf eben - stellt sich der Verfasser selbst vor … als Künstler und Mensch, der verschiedene Stationen durchlaufen hat.
Künstler-Lebensläufe lesen sich nicht unbedingt wie die eines Top-Managers. Nicht die Stationen sind unterschiedlich, sondern die Gewichtung. Ein Autor kann mit dreißig verschiedenen Aushilfsjobs Eindruck schinden, weil der potenzielle Leser dann vielleicht erwartet, dieser Autor hätte das Leben in vielen verschiedenen Bereichen kennengelernt und würde wohl auch darüber zu schreiben wissen. Der Manager sollte besser nicht auf ein unstetes Hin und Her vor seiner Bewerbung verweisen.
Aber was genau interessiert uns am Lebenslauf des Lieblingsautors … und ebenso des Newcomers? Ist das nur die Vorstufe zu einer Erwartungshaltung, die im Idealfall -bei entsprechendem Erfolg- in dem Wunsch des 'Fans' nach einer Biografie des verehrten Künstlers mündet?
"Lebenslauf, Vitae Cursus, Curriculum Vitae …" - das steht einfach so da, als Titel über einer Auflistung, die über Jahreszahlen, Orte und Institutionen einen Eindruck vermitteln soll, wie ein Mensch gelebt und sich vorangebracht hat.
Je nach Branche, je nach Beruf und Stellung der entsprechenden Person, beginnt sich beim Leser während der kurzen Lektüre der Eckdaten eines Lebens, eine völlig unterschiedliche und dadurch spezifische Erwartungshaltung herauszubilden.
Deshalb präsentiert sich der Lebenslauf eines Künstlers im Idealfall aus einer Mischung von Höhen und Tiefen, die dem Leser vermitteln sollen, wie reich das Leben der besagten Person bisher schon gewesen ist.
Ein Neuling wird logischerweise nicht mit Veröffentlichungen, Preisen und Ehrungen aufwarten - dafür hat er vielleicht zwei Schulverweise und drei abgebrochene Extremstudiengänge vorzuweisen oder er hat gar noch einen lukrativen Brotjob mit einem recht ansehnlichen Einkommen einfach hingeschmissen, um uneingeengt und offen, näher am Puls der spontanen Inspiration leben zu können.
Ein Lebenslauf ist -obwohl von der Struktur her klar, präzise und auf nur eine gewisse Anzahl von Eckpunkten ausgelegt- ein Spiegel des Lebens selbst … nur darf ihn ein Künstler auch als solchen zeichnen, während Büroangestellte oder Verkäufer den möglichen Arbeitgeber mit Fakten beeindrucken müssen.
Wer nun den Sinn eines solchen Textes hinterfragen möchte, über dem LEBENSLAUF steht … der muss sich die Antworten wohl selbst geben - angeglichen an die eigenen Erwartungen. Wer unbeeinflusst einen Roman lesen möchte, sollte wohl tatsächlich nichts über den Autor wissen, denn er könnte sonst Autobiografisches entdecken und dadurch von der Fiktion abgelenkt werden. Und andererseits wird jener Leser, der einen Text bis in die Zwischentöne analysieren möchte, kaum ohne die Hintergründe auskommen können und wollen, die ihm ein detaillierter Lebenslauf oder - idealer und hilfreicher noch - eine Biografie vermitteln würden.
So muss denn jeder selbst entscheiden, was er über einen Künstler erfahren möchte und in welche Relation dieses Hintergrundwissen dann zum Werk zu setzen wäre.
Alexander Zeram / August 2011
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