Gedichte
Die Entstehung eines Gedichtes lässt sich vielleicht mit dem Begriff „Sturzgeburt“ vergleichen.
Gedanken formen sich und überfallen den empfangenden Geist des Denkers. Sie stürzen aus ihm heraus, sind nicht immer vollendet, sondern folgen einer Serie bestimmter Impulse, und oft- erst wenn sie das Licht der Welt erblickt haben, bleibt es dem glücklichen Erzeuger vorbehalten, inwieweit er Begrenzung, die Formung und die Aussage in der ursprünglichen Gestaltung belässt oder sie einer strengen Begutachtung und der vollendeten Formierung unterzieht.
"Gedichte" sind geistige Kinder ihrer Eltern und werden genormt im Sinn der jeweiligen Schöpfer. Sie sind zudem absolute Zeitzeugnisse und unterliegen dem allseitigen Wandel und somit auch dem allgemeinen Zeitgeschmack
Gedichte unterliegen der Mode und sind nur selten wirklich austauschbarbar.
Mitunter schon äußerlich perlenschimmernd, können sie auch verkrusteten Gebilden aus Stein ähnlich sein, deren Wert sich erst dem erschließt, der sie aufzubrechen imstande ist.
Sie finden nicht Allerweltsfreunde, besitzen aber mitunter auch eine gewisse Schmiegsamkeit, um sich anzupassen und so ihrem eigenen Sendungsbewusstsein Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Gedichte sind, wie auch die ganze Familie der literarischen Gattung, dem wechselnden Geschmack des jeweiligen Publikums ausgesetzt und versuchen, sich den Zeitzeichen unterzuordnen, um dem ihnen innewohnenden Sendebewusstsein gerecht zu werden.
Sie kommen daher in vielfältiger Formung und sind bekleidet mit unterschiedlicher Moderichtung. Sie versuchen oft weniger durch Vernunft und Strenge auf das Gemüt des Publikums einzuwirken als mit Verführung und den schönen Gesten sich exzentrisch gebender Unterhalter.
Dass sich auch unter mancher Maskerade ein ernsthafter Angriff auf das Gegenüber verbirgt, wird mitunter nur langsam sichtbar, dann nämlich, wenn der sich direkt angesprochen Fühlende näher damit beschäftigt.
Während in der Prosa festen Schritt und Tritts ein Wort das andere ergibt, was es und wie viel es an Aussage birgt, tänzelt in der Sparte Poesie das Gedicht, mit Schleiern und mitunter sehr viel Grazie, dem Leser oft lange auf der Nase herum, ehe es sich ihm erschließt.
Gedichte ließen sich auch mit einem Blumenfeld vergleichen, sozusagen mit einem Garten der Verführung, der auf den Wanderer verschiedenartige Anziehungskraft ausübt. Sieht der Entspannung suchende Besucher eines solchen Paradieses die Blumen in Form der Gedichte, wird ihm bald klar sein, welcher Verführung er erliegt, wenn er sich darauf einlässt. Gleich, welcher Form oder welchem Stil, welcher Zielrichtung – romantisch oder herb – es wird ihm nur schwer gelingen, naserümpfend oder geschlossenen Auges an all und jeder Blüte vorbeizugehen, ohne hier oder dort stehen zu bleiben und sich entzücken zu lassen.
Gedichte sind geschaffen für kurze Augenblicke der Entspannung, der Erholung, der Beglückung. Sie können auch Aufschrei sein, der gehört werden will und merklich Eindrücke hinterlässt.
Immer aber sollte man Gedichte sehen, wie es ein unbekannter Dichterfreund zu erklären suchte:
Der Zweck eines Gedichts
ist das Entzünden eines Lichts.
Lasst es, nach jeweiligem Erkennen,
einfach in euch weiter brennen.
Der geneigte Leser möge hier die Seite mit Gedichten aufschlagen, und ich wünsche ihm sehr viel Freude auf dem Weg durch einen Lyrikgarten, zu dem LiteratPro die Tür weit geöffnet hat.
Tilly Boesche-Zacharow / August 2011



