Leitfaden für Bindungsphobiker, Teil I

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"Das Schöne am Verbundensein ist, restlos erkannt, verstanden und akzeptiert zu werden." - Irvin D. Yalom

Eine Blüte nicht erblühen zu lassen, weil die geschlossene Blüte oder Knospe uns Sicherheit suggeriert, ist jemandem mit einer Nähe-Distanz-Hemmung durchaus nicht fremd. Das Bewusstwerden und Lieben parentaler Anteile – ein Erfolgsrezept und Basisfundament für die Selbstannahme.

Notiz: Das Umstrukturieren des Denkens und Fühlens ist kein Hauruckprozess, kein Dogma, das uns vereinheitlichen und umpolen soll. Vielmehr stellt es eine Stütze dar, sich selbst (!) einen Weg aus Zwickmühlen zu bahnen; das Gehen mit diesen Stützen und baldige Wegwerfen dieser, ist das Ziel.

Ängste werden häufig unterschätzt, oft auch bagatellisiert, banalisiert und in Schubladen sicher verwahrt mit sich herumgeschleppt. Dass viele Ängste und innere Warnungen uns eher Hindernis als Hilfe sind, kann sich in Situationen bemerkbar machen, in denen offensichtlich keine akute Gefahr droht und die Amygdala dennoch "Rückzug" dirigiert. Wie beim Trainieren, ist das Bewusstwerden von Glaubenssätzen und folgender Leitideen zur Selbsthilfe natürlich nur dann effektiv, wenn diese verinnerlicht und nicht nur gescannt, abhakt oder einmalig ausprobiert werden. Überwindung ist ein Prozess, ein Weg und zugleich ein wichtiges Lebensziel.
Angst ist kein Parasit, sondern tippt uns in einigen Situationen nur warnend, aber bestimmt, auf die Schulter, was wir wiederum auf unsere Mitmenschen projizieren. Also müssen wir bei der Quelle ansetzen, uns das sind in den seltensten Fälle unsere Mitmenschen oder unglückliche Zufälle. Am besten starten wir mit dem "man in the mirror".

Eine sehr fruchtbare Variante der Selbstliebe ist die Folgende:
Das Bewusstwerden von Anteilen der eigenen Eltern in einem, in jedem Gedanken und jeder Handlung mit dem Beigeschmack elterlicher Angenommenheit, das Nachspüren des typischen Gefühls des jeweiligen Elternteils, wirkt bei jedem Menschen, ob bindungsscheu oder nicht, wahre Wunder.
Beispiel: Wenn man den Anteilen des Vaters nachspürt, die in einem schlummern, sie zum Leben erweckt und ihnen eine Chance gibt. Wenn man die Anteile der Mutter emanzipiert dazu in Kontrast setzt, ihnen gleichsam nachspürt und sie nicht leugnet. Oft bemerken wir diesen Zustand nicht einmal, da sich dies vorwiegend unbewusst abspielt. Beispiel: Hat die Mutter eine bestimmte Musikvorliebe und man verbindet beim Hören solcher Songs das Gefühl, was man mit ihr verknüpft, so stellt man oft fest, dass es eine kleine große Auswahl an Medien (Kleidung, Musik, TV-Sendungen, Landschaften etc.) gibt, die typisch für die Mutter sind. Wird man sich nun bewusst, dass eigene Vorlieben häufig auf die Eltern zurückzuführen sind, werden wir uns unserer inneren, elterlichen Anteile bewusst und unsere Handlungen wie Entscheidungen erscheinen uns als logisch. Hat man zu seinen Eltern ein gutes Verhältnis, verschafft einem diese Assoziation eine Resonanzerfahrung und Erinnerungen an kindliche Situationen werden ins Gedächtnis gerufen.

Ist das Verhältnis zum jeweiligen Elternteil ausbaufähig (beim Tod eines Elternteils ist es erst recht ein Prozess von Aufrichtigkeit, den Gedanken an das verstorbene Elternteil und das aufkommende Gefühl in positive Bahnen zu leiten, ohne Frage nach Schuld und Sühne), so werden innere Anteile oftmals geleugnet und Handlungen/ Entscheidungen etc., die wir mit diesem Elternteil verknüpfen, werden nicht selten vermieden. Es ist die ablehnende Einstellung zu diesem Menschen, die wir in uns selbst nicht akzeptieren und uns erhoffen, durch dieses Leugnen unserer eigenen, inneren Anteile, ein besserer Mensch zu werden. Selbstzweifel und Leugnung dieser Merkmale, die wir ähnlich ausgeprägt haben, wie das entspr. Elterteil, führen unweigerlich zu Vermeidung und Ablehnung dieser Anteile in uns und dies wird häufig als Absicht auf die ahnungslosen Mitmenschen projiziert. Lernen wir, elterliche Anteile in uns zu erkennen und gleichsam zu akzeptieren, lernen wir uns selbst verstehen und unsere Wurzeln kennen.

Oft vernachlässigen wir die innere Mutter oder den inneren Vater, obwohl beide immanent sind und immer sein werden, vernachlässigen die inneren Anteile/ Wurzeln, vernachlässigen uns so oftmals selbst. Immerhin sind wir die absolute Verschmelzung beider. Das sollte einem bewusst werden, jeden Tag.
So wichtig es ist, sich selbst neu zu entdecken, so wichtig ist es im Mindesten ebenso, sich der inneren Anteile beider Eltern anzunehmen, sie zu leben und zuzulassen. Sei es auch nur die Erkenntnis, welche eine Brücke zu unserem Empfinden und Vorlieben und denen des jeweiligen Elter-/ Familienmitgliedes erschafft.

Alles was dazu benötigt wird, sind im Grunde Luft und Liebe – das Märchen wird also doch wahr, in gewisser Weise. Hören wir Musik, die uns gefällt, stellt sich irgendwann häufig diese Brücke ein, auf dessen Seite eines unserer Elternteile steht und uns warmherzig lächelnd herüberwinkt. Dann haben wir verstanden, dass das Medium, was in einem Moment unseres Lebens eine adäquate bzw. geglaubt banale Rolle zu spielen scheint, vielleicht die Abneigung gegen enge Polyesterpullover und das Bevorzugen von flauschigen Badgarnituren, auf das ähnliche Empfinden eines unserer Elternteile zurückzuführen ist.

Ob uns in früher Kindheit die Spiegelneuronen ein Schnippchen geschlagen haben und wir die Reaktion des einen Elternteils realisierten und übernahmen, oder wir mit der Gemeinsamkeit auf der genetischen Bahn fahren und damit geboren wurden, ist marginal.

Sich von elterlichen Anteilen abzugrenzen, kann eine automatische Folge sein, hat man diese erst einmal als solche erkannt. Nicht selten entstammt unsere innere Stimme der Zunge unserer Eltern. Hier möchte ich klar zwischen elterlichen Anteilen, auf die viele unserer Erlebens- und Verhaltensweisen zurükzuführen sind, einerseits, und von indoktrinierten Glaubenssätzen andererseits, trennen.

Achtsamkeit stellt eine hervorragende Erweiterung des Momentanzustandes dar, wonach eine Handvoll Reize, die auf einen in dieser Sekunde einprasseln, wie Regentropfen auf dem Dach eines Regenschirmes, intensiver wahrgenommen und erlebt werden. Unsere Sinnesempfindungen werden intensiver verspürt und das gibt uns ein Gefühl vom Angekommensein im Hier und Jetzt, von der Liebe zum Moment.

Mit Achtsamkeit in den beklemmenden Reizüberflutungszustand zu kommen, ist tatsächlich fast unmöglich. Konzentriert man sich auf die Sinneseindrücke, ist man in Gedanken beim bewussten Empfinden und unbewussten Selektieren. Man lässt sich beim Achtsamkeitstraining ganz auf sich selbst und den Moment ein, erlebt die Symbiose aus dem eigenen Sein und dem, was man als Realität vernimmt. Geht man stattdessen mit abgestumpften Sinnesempfinden durch eine laute Großstadt, mit den Gedanken weit weg und der innerlich aufsteigenden Empfindung von Unbehagen und Stress, ‚Wo mag das nur herkommen?‘, so stellt sich viel schneller der Stresszustand ein und – das wissen wir alle – Stress macht blöd und erst recht unempfänglicher für die wunderbaren Tropfen auf dem Dach unseres Regenschirmes.

Nicht einmal der größte Ablehnungs- und Bindungsphobiker kann eine permanente Angst aufrechterhalten, je nach Ausprägung oder Trauma ziehen sich abschottende Gedanken und das Wegwollen aus unangenehmen Situationen mal intensiver, mal gar nicht durch unser Leben.
Vertrauen wir uns selbst und nehmen uns unserer Befürchtungen an, so projizieren wir autopilotmäßig auf unsere Umwelt und plötzlich fühlt sich alles so leicht und warm an, nicht wahr? Könnte es doch immer so sein... Kann es doch!

Die märchenhafte Vorstellung eines angstfreien Lebens ist nicht real.

Was hat dies nun mit unseren Eltern zu tun? Kehren wir vom verregneten Stadtspaziergang nun wieder zurück, wringen die nasse Strickjacke aus und schütteln die Tropfen vom Schirm. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass ein Regenschirm im Grunde wie eine Lotosblüte auf Wasser reagiert? Hunderte kleiner Tropfen sammeln sich adhäsiv auf der Oberfläche und fliegen beim Ausschütteln wild durcheinander, bis nur noch wenige Kleine übrig bleiben und wegtrocknen. Wem wäre solch ein unscheinbar scheinender Moment am ehesten aufgefallen? Unserer Mutter oder unserem Vater? Vielleicht beiden oder auch gar keinem?
Nicht immer gibt es Parallelen zu unseren Wurzeln, immerhin sind wir ein imposantes Orchester von Billionen eigenwilliger Zellen, in deren Gefilden natürlich nicht nur unsere Eltern, sondern retrospektiv etliche Generationen eigenwilliger Menschen und liebenswerter Seelen stecken, allesamt mehr oder minder stark ausgeprägt in uns verankert.

Jeder Organismus ist einzigartig, unabhängig davon, ob er einzig oder unartig seinen Weg geht, hetzt, wie auch immer. Unsere ganze bucklige Verwandtschaft im Nacken, dürfte sich so etwas wie Einsamkeit eigentlich gar nicht einnisten können. Ganz recht, das kann sie auch gar nicht, wenn uns unsere Anteile bewusst werden, wie jeder Objekt. Jede Gefühlsregung und jede Entscheidung, die wir mit ihm verbinden, jede Passion und Art zu argumentieren, ist auf unsere Wurzeln, insbesondere die Hauptwurzeln unserer Eltern zurückführen und plötzlich werden Schnittstellen sichtbar: In der Auswahl der Bilderrahmen spiegelt sich vielleicht die Mutter, in dem Willen, trotz schlechten Wetters einen Stadtspaziergang zu machen, eventuell der Vater wider, wenn nicht sogar die Tante… wenn nicht sogar ein Mensch, der einen zutiefst inspiriert und mit dem man trotz erstaunlicher Gemeinsamkeiten keinerlei Verwandtschaftsbeziehung herzustellen vermag.

Tja, das sind eben wir: Dominante Wurzeln, die zu leugnen ein fatales Leugnen unserer Selbst wäre, die jedoch eine ganze Pflanze zum Blühen bringen, das Orchester spielen lassen, mal harmonisch, mal assonant oder gar übertrieben. Nie wird uns dieses Orchester verlassen und – auch, wenn wir nicht nur unsere Wurzeln sind – werden sie immer ein Teil von uns sein, der uns am Leben hält, da wir ohne diese gar nicht erst hätten aufblühen und Menschen oder Situationen begegnen können, die uns dieses eine Gefühl schenken, was uns aus früheren Wurzelzeiten noch bekannt ist. Die guten alten Zeiten werden uns niemals verlassen, jedoch sind sie nicht unsere Zukunft!

Das Schätzen dieser Blüte, die dem Regen trotzt, die da ist, wirklich lebt und dies ihren Wurzeln einerseits, dem Erschaffen der eigenen Blüte aus eigener Kraft und eigenem Willen andererseits, zu danken, hilft ungemein, Frieden mit dem eigenen Selbst zu schließen, sich der Vergangenheit vertaner Chancen und dem Noch-Nicht-Gelernt-Haben ehemaliger „Fehler“ anzunehmen, sich selbst die Chance geben zu können, sich Fehltritte zu erlauben und sich der Kraft wie den einzigartig scheinenden Blüten annehmen zu können, die uns umgeben und die geglaubte Einsamkeit um tausend wertvolle Tropfen auf dem Regenschirm zu bereichern. Und du meinst, es gibt so etwas wie schlechtes Wetter? Niemand erwartet von uns, dass wir uns unserer eigenen Wurzeln und Empfindungen nicht annehmen sollen.

Einzigartigkeit einer Blüte bedeutet, die Umwelt und Bedürfnisse einzigartig zu erleben und zu stillen, Regentropfen einzigartig im Ohr hallen zu lassen, einzigartige Stressgrenzen zu haben, einzigartige Empfindungen und das einzigartige Bedürfnis nach dem Teilenwollen und synchronisieren mit anderen Pflanzen, um in dieser Metaphorik zu bleiben. Gemeinsam die eigenen Wurzeln erkunden und - sich der Gewissheit dieser stets bewusst – gemeinsam in die Zukunft zu schauen, bedeutet nicht, jegliche innere Anteile und die uns zugrundeliegende Einzigartigkeit, mit allem Empfinden auf diesen einen Menschen zu projizieren, ihm die Idealisierungsmaske überzustülpen und die Kraft, Blüte zu sein, von ihm abhängig machen. Das wird niemals passieren und jeder Gedanke daran zerfrisst mehr Kraft, als er eigentlich schenkt oder jemals schenken könnte.
Sehen wir in einem Menschen sogar unsere Eltern, übertragen jegliches Empfinden, das wir bei unseren Eltern oder in uns selbst durch die Eltern haben, auf einen Menschen, dann wird es kritisch, wenn wir die elterlichen Anteil nicht akzeptieren gelernt haben. Man kommt nicht umher, in Übertragungsfallen zu tappen, das ist nun einmal die logische Konsequenz, wenn man einem Wurzelsystem entstammt und lebenslänglich in Erfahrung bringen will, dass die eigenen Wurzeln noch existent sind. Immerhin weilen sie unter Schichten von Vergangenheits-Erde, ist schon Gras drüber gewachsen, aber sie sind ja noch da, oder?

Die Angst vor Selbstaufgabe oder Trennungsangst sind stetige Begleiter, sind keine Parasiten, die uns auffressen, wie wir es immer gelernt haben. Stattdessen sind dies Mechanismen, durch welche diese Pflanze aus einer ehemals schwierigen Situation heraus ins Leben stieg, weil sie leben wollte und eben eine Vermeidungsstrategie an den Tag zu legen lernte, die sie vor einer eventuell eintreffenden Resonanzerfahrung/ Rückschlägen bewahren soll. Häufig sind sich diese Pflanzen nicht einmal bewusst, dass sie eine wunderschöne Blüte hervorbringen können, da das Knospenstadium so sicher scheint, dass das Leiden und Verharren vertrauter ist, als das Handeln.

...und Handeln kommt nach der Erkenntnis, sodass dieser Leitfaden hier erst einmal endet.

Unter der Rubrik "Küchenpsychologie"