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kümmert sie sich selber um ihr Problem mit Toni und ich habe Zeit, endlich mit der Geschichte fortzufahren.
Ein Freund wies mich darauf hin, dass meine Beschreibungen zwar eindringlich seien, es ihnen jedoch an Gerüchen fehlen würde. Nun, er mag damit zweifellos Recht haben, darum frage ich Sie, ob Sie es auch riechen? Diesen beißenden Geruch angekokeltem Teigs, welcher die Hitze des Tages überlagert, und von der Küche heraus durch das gesamte Erdgeschoss schwelt. Bemerken Sie es nicht? Machen Sie sich darüber keine Sorgen? Nena jedenfalls hat es gerochen und erinnert sich jetzt an das Baguette, welches sie im Ofen aufbäckt. Sie springt aus ihrem Sessel und rennt hinüber.
Aus den Ritzen der Backofenklappe quillt bereits der schwarze Brand hervor, und als Nena die Klappe öffnet, schlägt er ihr vollends ins Gesicht, dass sie erschrocken zurückspringt und sich den Rauch vor der Nase fortwedelt.
„Oh, Mann!“ schreit sie. „Das war mein einziges Essen heute! Ich hab nichts mehr im Kühlschrank. Willst du etwa, dass ich eine Diät mache und hast mich das Baguette deshalb vergessen lassen?“
Dieser Vorwurf ist an mich gerichtet. Ich bin verblüfft, daran habe ich gar nicht gedacht. Ich war nur stolz darauf, an Gerüche gedacht zu haben und fügte so die Szene ein.
„Bin ich dir etwa zu dick?“ bohrt Nena weiter.
Jetzt wird es kompliziert. Auf diese Frage einer Frau gibt es keine Antwort, mit der Männer schadlos herauskommen. Wenigstens fällt mir keine ein und ahne, dass diese Diskussion wahrscheinlich dreißig Seiten einnehmen würde, ohne ein Ergebnis zu erzielen. Ich überlasse Ihnen die entsprechende Antwort, um Nena zu besänftigen. Ich rate Ihnen, sich Mühe zu geben. Denken Sie an Nenas Blog, auf dem sie, ohne mit der Wimper zu zucken, auch gnadenlos über Sie urteilen würde.
„Feigling!“ zischt Nena, aber das nehme ich gerne hin.
Während sie das völlig verkohlte Baguette aus dem Ofen nimmt und in den Ascheneimer wirft, rufe ich einen Pizzadienst an und lasse eine Lasagne auf meine Kosten anliefern.
„Das ist das mindeste, was du machen kannst“, bemerkt sie und vermittelt mir wieder einmal das Gefühl, alle Schuld zu tragen.
Zum Glück kommt Toni. Er besitzt einen Hausschlüssel und steht unvermittelt in der Küche.
„Was ist denn hier passiert?“ fragt er.
„Frag den da!“ sagt Nena und zeigt unbestimmt irgendwohin, wo sie mich vermutet.
„Wer soll dort sein?“ fragt Toni, freilich guckt er in die Richtung.
„Vergiss es“, entgegnet Nena frustriert (liebe Nena, beschwer dich nicht über Tonis mangelndes Verständnis. Erinnere dich: deine Wahl!)
(„Blödmann“, zischt Nena mir zu).
„Rate einmal, was ich heute in der Stadt gefunden habe!“ sagt Toni, lacht dabei und nimmt sie in den Arm.
(„Mach, dass er mich loslässt. Das ist unfair!“ murmelt Nena)
Aber sogleich nimmt Toni seine Arme von ihr, tritt einen Schritt zurück und strahlt sie an.
(„Danke.“)
Nena schüttelt sich, als ob sie wieder ihre Gedanken fassen muss. Sie mag Toni wirklich und es fällt ihr schwer, böse mit ihm zu sein. In seiner Nähe kann sie sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Das Malheur mit dem Baguette hat sie darüber hinaus aus dem Konzept gebracht. Sie kratzt sich am Kopf und wartet. Ich nehme an, ebenso wie er. Es ist wohl das Beste, wenn ich hier kurz eingreife.
Es klingelt. Nena weiß von mir, dass es der Pizzadienst ist, der ihr die Lasagne bringt.
„Gehst du bitte zur Tür“, sagt sie zu Toni und lächelt ihn an.
„Klar“, sagt Toni und verlässt die Küche.
Nena atmet durch.
„Denk an die Haushaltsmaschinen“, erinnere ich sie hilfsbereit.
„Ich weiß schon. Erst schreibst du sie hier rein und nun muss ich sie wieder loswerden.“
„Sag ihm einfach, dass du sie aus dem Haus haben willst. Um den Rest kümmere ich mich schon“, muntere ich sie auf.
„Kannst du das nicht machen?“ bittet Nena mich. „Ich bezahl dafür auch die Lasagne.“
„Das ist ein schlechtes Geschäft“, sage ich. „Du weißt noch nicht einmal, ob du sie wirklich bekommst. Noch hat Toni sie nicht in die Küche gebracht.“
„Das machst du nicht!“ droht Nena.
Ich lächele vor mich hin und antworte nicht. Manchmal sagt die Stille mehr als tausend Worte.
„Was ist los?“ fragt Nena, sichtlich unsicher, wie ich mich entscheiden würde.
„Nein, das mache ich nicht“, sage ich. Ihre Minute Zweifel ist mir Vergnügen genug gewesen.
„Also, schreibst du es ihm?“ fragt sie erneut.
„Was ist dein Problem?“ frage ich.
„Ich habe keins. Aber Toni ist so süß. Ich will mich mit ihm nicht über etwas streiten, was schließlich du im ganzen Haus verteilt hast“, sagt Nena.
„Ich kann es ja einfach herausstreichen“, schlage ich vor.
„Weißt du überhaupt, was du willst?“ fragt Nena. „Irgendwie habe ich das Gefühl, du willst mich einfach bloß auf Trab halten. Soll ich mich den ganzen Tag nur mit dir beschäftigen? Du bist doch nicht etwa auf Toni eifersüchtig?“
Mir verschlägt es die Sprache, was Nena offensichtlich falsch interpretiert.
„Ich fühle mich zwar geschmeichelt, aber offen gesagt bist du mir zu alt“, sagt sie.
„Oho, ich kann noch alles machen, was mir meine Vorstellungskraft erlaubt“, entgegne ich und gebe zu, dass sie mich in meiner Eitelkeit gekränkt hat. Zu spät erkenne ich, dass es nur ein Trick von ihr war.
„Dann sag ihm, dass die Maschinen aus dem Haus müssen, und wir vergessen das alles“, meint sie, stemmt die Fäuste in die Seiten und guckt aus dem Fenster. Wahrscheinlich meint sie, dass ich irgendwo dort draußen sein muss, da ich mich ja nicht im Haus befinde.
„Natürlich weiß ich, dass du nicht da draußen bist, Blödmann. Aber irgendwohin muss ich ja gucken. Mach einfach, was ich dir sage.“
Ich wundere mich, dass sie mit mir so sprechen kann, nicht jedoch mit ihrem Freund. Aber darauf will Nena nicht eingehen.
„Zum Glück werden die meisten Leser intelligenter sein als du“, entgegnet sie stattdessen. Ich will mich ja nicht streiten und so überlasse ich es tatsächlich Ihnen, die Antwort auf meine Frage zu finden (ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn sie mir ihre Lösung auch verraten würden).
„Oh Mann, von zehntausend Autoren erwische ich gerade dich“, stöhnt Nena.
Ich lasse Toni mit der Lasagne reinkommen und Nena ihren Hunger verspüren, damit sie ein wenig beschäftigt ist.
„Super!“ ruft Nena und reißt Toni die Schale aus der Hand. Sie setzt sich an den Küchentisch und schiebt die Lasagne auf einen Teller.
„Ich werde erst einmal essen“, sagte sie. („Und du klärst das mit Toni“, raunt sie mir zu, während sie mit der Gabel in eine unbestimmte Richtung stößt).
Selbst imaginäre Frauen besitzen eine gewisse Dominanz. Ich weiß, dass ich Zeit habe, bis sie mit der Lasagne fertig ist, und mein Kopf arbeitet fieberhaft.
Toni steht und wartet. Er hat einfach keinen Schwung. Alles muss man ihm vorkauen. Mir ist immer noch schleierhaft, wie Nena sich ihn aussuchen konnte.
(„Frag die Leser“, brummelt sie mit vollem Mund.)
Selbst wenn sie isst, läßt sie mir keine Ruhe. Ich beschließe, dass meine nächste Geschichte die Beschreibung einer Landschaft sein wird.
(„Super, lass uns einen Ausflug machen!“
„Du kommst darin nicht vor!“
„Bist du sicher?“)
Lassen wir das vorerst einmal ruhen. Immerhin wartet der langweilige Toni. (Schon gut, Nena, war nicht so gemeint.) Er strahlt seine Freundin an, aber sie fragt ihn nicht, was er in der Stadt gefunden hat, so dass er vermutet, sie habe es bereits wieder vergessen. Daran sieht man, wie wenig er von Frauen versteht.
(„Blog!“ – „So wollte ich das gar nicht schreiben. Ich wollte sagen, man sieht, wie sehr er die Aufregung nachempfinden kann, der Nena ausgesetzt war“. – „Hm, geht so!“)
„Rate einmal, was ich heute in der Stadt gefunden habe“, sagt Toni deshalb erneut.
Nena sieht nicht von ihrem Essen auf und konzentriert sich auf ihre Lasagne.
(„Hey, ein wenig Hilfe von dir brauch ich schon, wenn ich für dich den Karren aus dem Dreck ziehen soll! Er ist süß, tz!“)
„Was hast du gefunden?“ fragt Nena, ohne ihren Freund anzublicken.
(„Den Rest machst aber du!“
„Ja, das genügt.“)
„Eigentlich habe ich nur ein bisschen auf dem Flohmarkt herumgestromert“, sagt Toni.
„Oh Gott“, entgegnet Nena. („Blog! Blog! Blog!“)
„Ich fand einen wunderbaren, fast funktionstüchtigen Kühlschrank“, erzählt Toni weiter.
In diesem Augenblick verliert Nena ihre sämtlichen Geruchs- und Geschmacksnerven, die Lasagne schmeckt nur noch nach Tinte. Aber sie sagt nichts.
(„Warte ab!“)
Ok, sie sagt fast nichts. Toni kommt einen Schritt auf den Küchentisch zu, und Nena senkt ihren Kopf tiefer über den Teller.
„Und da traf es mich plötzlich wie ein Schlag“, sagt der Freund.
(„Mich auch!“)
„Lass uns die ganzen Sachen hinauswerfen und zusammenziehen.“
Nena hebt ruckartig den Kopf und starrt Toni ungläubig an.
„Wie meinst du das?“ fragt sie (und hat mich glücklicherweise in diesem Augenblick vergessen).
„Na, ich ziehe hier bei dir ein und wir sehen, was aus unserer gemeinsamen Zukunft wird.“
„Ohne Kühlschränke?“ fragt Nena ungläubig.
„Und ohne Waschmaschinen“, bestätigt Toni und lacht.
„Das fiel dir plötzlich ein“, sagt Nena, noch immer nicht sicher, ob sie richtig gehört hat.
„Ja, komisch - nicht? Daran habe ich vorher überhaupt keinen Gedanken verschwendet. Im Gegenteil, ich war fest entschlossen, den Kühlschrank zu kaufen.“
Toni ist ein kleines Plappermaul. Jetzt hat er Nena verraten, dass sie mich durchaus beeinflussen kann. Ich hoffe, dass sie in diesem Augenblick zu abgelenkt ist.
(„Nein, bin ich nicht.“
„Wie konnte ich daran auch nur zweifeln.“
„Lass uns demnächst einmal über den Umzug in ein größeres Haus sprechen. Und ich will einen Swimming Pool!“)
Dann wendet sie sich wieder ihrem Freund zu, steht auf und legt ihre Arme um ihn. Sie küsst ihn lange und ausgiebig.
„Das ist eine wunderbare Idee“, sagte sie daraufhin.
Toni strahlt und ist stolz, obwohl er gar nichts gemacht hat. Die ganze Arbeit lag bei mir. Aber Hauptsache, sie wird glücklich.
„Komm, lass uns allein sein“, haucht sie ihrem Freund zu.
„Aber wir sind doch allein“, sagt er verwundert.
„Hast du eine Ahnung“, entgegnet Nena, nimmt ihn an der Hand und zieht ihn aus der Küche heraus.
An der Tür bleibt sie noch einmal stehen. Sie wendet sich um und blickt aus dem Fenster. Toni wartet wieder.
(„Du bleibst jetzt draußen“, zischt sie mir zu.
„Hast du nicht etwas vergessen?“ frage ich.
„Was soll das sein?“
„Überleg einmal, immerhin bist du so gescheit, wie ich und die Leser uns dich vorstellen.“
„Hm“, sie denkt einen Augenblick nach. Dann sagt sie:
„Danke.“)
Sie greift Toni fester an der Hand und zieht ihn so schnell aus der Küche heraus, dass ich kaum noch Zeit finde, diese Geschichte zu beenden.