Er

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von Heide Nöchel (noé)

Sein Blick folgte gelassen der Bewegung der Tür, die sich genauso behutsam und leise wieder schloss, wie sie sich gerade einen Spalt weit geöffnet hatte, um ein neugieriges Gesicht um die Ecke schauen zu lassen. Die Besucherin hatte wohl nur gewartet, dass die Tochter das Zimmer verließ, um einen vorsichtigen Blick hineinzuwerfen.

Nicht für jeden war er sichtbar. Aber wem es gegeben war, ihn zu bemerken, zeigte das gleiche Erschrecken wie die Besucherin, das dem Moment des versteinerten Erkennens folgte. Er kannte diese Reaktion, sie kam immer auf die gleiche Art, egal wo.

Es machte ihm nichts aus. Nichts machte ihm etwas aus. Er hatte nur hier zu sein.

Wenn man die alte Frau ansah, konnte man leicht denken, sie schliefe; die unruhigen Hände auf der Bettdecke sprachen eine andere Sprache. Ihre Spinnenfinger wanderten hin und her; ab und zu krallten ihre Hände neue Falten in den Bezug, dann ging ihr Atem stoßweise.

Aber meistens war er so flach, dass die Tochter ihren eigenen Atem anhalten musste, um den der Mutter noch zu hören. Die ganze letzte Zeit war für die Tochter sehr anstrengend gewesen, so, dass sie inzwischen selber nicht mehr wusste, was eigentlich sie wollen sollte – oder vielleicht auch dürfte.

„Atme! Atme!“, dachte sie dann, und flüsterte es manchmal sogar, selber atemlos, und gleichzeitig wünschte sie sich – und, ja, auch ihrer Mutter -, dass endlich Ruhe einkehre und ein würdiges Ende fände, was so lange schon nur noch pure Quälerei war. Für alle Beteiligten.

Er wusste, dass die Tochter in den letzten Wochen nicht mehr als zwanzig Minuten am Stück eine Art Erschöpfungsschlaf absolviert hatte, aus dem sie hochschreckte, weil sie Halluzinationen hatte. Sie sah ihren Vater, der ihrer Mutter die Hand hielt, oder ihre jüngere Schwester, die nur stumm neben dem Bett stand und die Mutter zu beobachten schien.

Die Tochter ging wohl davon aus, dass es sich um Halluzinationen handele, denn ihr Vater und ihre Schwester waren beide zusammen bei dem Autounfall vor etwa zwölf Jahren ums Leben gekommen, als sie nur eben Eis holen wollten.

Auch eben war sie aus einem solchen Schlaf hochgeschreckt, hatte sich nach einer ersten Verwirrung ihre Zigaretten und das Feuerzeug von der Fensterbank genommen und das Zimmer verlassen, wohl, um im Garten zu rauchen, damit sie leichter wach bliebe.

Ihn hatte sie noch nicht gesehen, obgleich sie seine Präsenz eigentlich spüren müsste. Aber das war normal, dazu war sie zu erschöpft, physisch wie psychisch. Ihre Realitäten hatten sich sowieso verschoben durch diese Wochen andauernde, kräftezehrende Pflege ihrer Mutter. Sie war dermaßen erschöpft, dass sie ihn wahrscheinlich ohne Erschrecken einfach nur registriert hätte.

Er war nicht ihretwegen hier, er hatte auf die Mutter zu warten. Nein, er sollte sie nicht holen, er sollte sie nur in Empfang nehmen, wenn sie soweit war, damit er ihr ein sicheres Geleit geben konnte. Auch ihr Mann und ihre jüngere Tochter warteten geduldig auf diesen Moment der Loslösung, der nicht mehr fern war.

noé/2016

Prosa in Kategorie: 
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