Meister A. wird vom Läuten des Telefons aufgeschreckt. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“, murmelt er leicht verärgert vor sich hin. Er hebt ab, ein alter Freund ist am Apparat, dieser wirkt sehr aufgeregt: „Stell' dir vor, was mir vor drei Tagen passiert ist – also echt, mir reicht 's. Ich finde so etwas einfach ungehörig und geschmacklos – also ich muss ...“
Meister A. unterbricht, er versucht, beruhigend zu wirken: „Mein Lieber, jetzt mal ganz langsam. Ich verstehe ja gar nicht, worum es geht. Vor drei Tagen, da war doch dein 71. Geburtstag. Als ich dich angerufen hatte, war doch alles so weit in Ordnung?“
„Da schon noch, aber kurz darauf erhielt ich ein Päckchen. Ich schaute neugierig auf den Absender: Es kam von dem Bestattungsinstitut, dessen Dienste ich anlässlich des Ablebens meiner Mutter vor circa einem Jahre in Anspruch genommen hatte. Da dachte ich mir, dass die Firma mit allen möglichen Daten auch mein Geburtsdatum festgehalten hätte und mir deshalb gratulieren wollte. Ich öffnete also voller Ungeduld das Päckchen und fand ein auf einem Glasbilde aufgedrucktes Kreuz und eine Kerze vor. Irgendwie war ich von diesem Geburtstagspräsent unangenehm berührt. Erst als ich die beigelegten Zeilen gelesen hatte, wurde mir klar, dass mich das Geschenk rein zufällig an meinem Geburtstage erreicht hatte – also dafür gar nicht gedacht war – es sollte an den Todestag meiner Mutter erinnern. Es ist nur so, dass ich dazu durchaus keine Auffrischung meiner Erinnerung benötige. Meine Träume, Gedanken … belasten mich genug! Ja, und dann noch, stell' dir vor, lag zusätzliches ausführliches Prospektmaterial über sämtliche mögliche Angebote und Leistungen der Bestattungsfirma bei. Also beim besten Willen, ich finde diese Art der Werbung aufdringlich und höchst unsensibel!“
„Einerseits kann ich dich verstehen“, meint Meister A., „aber andererseits ist ein Bestattungsunternehmen auch nur eine Firma, welche versucht, Marktanteile zu gewinnen. Warum sollte diese keine Werbung machen dürfen, warum sollte dieser versagt bleiben, was bei anderen gang und gäbe ist? Also ärgere dich nicht weiter, unternehmen kannst du dagegen ohnedies nichts!“
„Ich habe aber dagegen etwas unternommen!“, ruft der Freund dazwischen, „ich habe mich schriftlich dumm gestellt und an die Bestattungsfirma Folgendes geschrieben:
Haselbach, den 09.03.2019
Ihre Nachricht / Ihr Geschenk vom 07.03.2019
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte es nicht versäumen, Ihnen ganz herzlich für Ihr sinniges und einfühlsames Geschenk anlässlich meines 71. Geburtstages zu danken. Das ausführliche Prospektmaterial war mir an meinem Ehrentage eine wertvolle und geschätzte – zudem sehr beruhigende – Lektüre.
Leider obliegt es mir, Ihnen mitzuteilen, dass sich meine wesentlichen körperlichen Funktionen noch in grünen Bereichen befinden. Gewisse, altersbedingte Einschränkungen gebe ich allerdings ungern zu (somit seien Sie Ihrer Hoffnungen nicht gänzlich beraubt!). Ich bitte Sie, es mir nicht zu verübeln, dass ich versuche, gesund zu leben.
Aus Gesagtem geht hervor, dass ich Sie noch um geduldiges Ausharren bitten muss, ehe Sie meiner irdischen Hülle und somit meinen Hinterbliebenen Ihre fundierten, in den Prospektmaterialien deutlichst dargelegten Dienste angedeihen lassen können.
Der Fairnis halber möchte ich klarstellen, dass ich Geschenke zu meinen künftigen Geburtstagen zwar gerne annehmen werde, mich dadurch aber nicht dazu bewegen lasse, meine Lebensweise dergestalt zu ändern, dass dadurch die Wartezeit auf Ihren Einsatz möglicherweise verkürzt werden könnte.
Es rechnet kaum mit Ihrem generösen Verständnis
Ihr ergebener N.N.“
Meister A. - wer kann das sein? Hinter „Meister A.“ könnte ich mich verbergen – unter dem abgekürzten Pseudonym von „Meister Alfred“. Es könnte aber auch „Meister Allgemein“ gemeint sein, also jeder, jede, jedes ... also „alle“ oder „niemand Besonderer“. Jedenfalls soll es hier – möglicherweise um eine Folge? - von kleinen Episoden, Anekdoten, Denkanstößen, Lebensweisheiten … gehen, stets zumindest mit einem wahren Kern, immer mit dem gleichen Titel, aber „fein säuberlich durchnummerieret“. (Nr. 24 entfleuchte am 20.03.2019 meiner Feder.)