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Zeit zu Zeit mahlte sie nervös mit den Kiefern, wühlte mit der spitzen Schnute im Strohlager umher und grunzte erwartungsvoll in meine Richtung, als wolle sie mich einladen, in ihrer Bucht zu übernachten. Soweit geht die Liebe nun doch nicht. Nebenan schnaubten die Pferde und scharrten unruhig mit den Hufen, ein dumpfes und lethargisches Geräusch.
Als ich draußen Schritte vernahm, versteckte ich mich blitzschnell hinter einem Pfosten am Ende des Stalls. Das Quietschen der Gummistiefel, in denen von Arbeit und Hitze schweißnasse Füße staken, verstummte direkt vor der Tür. Ein Riegel quietschte, und ich wurde unabsichtlich der Qual der Wahl meines Nachtquartiers enthoben; denn die Fenster ließen sich nicht öffnen, das hintere Tor war ebenfalls verschlossen, und da ich keinesfalls die Absicht hatte, mich zum Gespött des Hofes zu machen, indem ich Alarm schlug, blieb ich stummer als in meiner Heimat die Elbe an windstillen Sommertagen. Meine Schadenfreude, dass Helge umsonst im Hinterhalt lauerte, hielt sich aus diesem Grund verständlicherweise beträchlich in Grenzen.
Mir fiel „Der Wachsblumenstrauß“ von Agatha Christie ein, eine Kriminalkomödie, die kürzlich im Fernsehen gezeigt wurde. Allerdings war das Stück für meine Begriffe weder besonders spannend noch komisch, eher tragisch-düster – wie ja so viele englische Filme.
In jenem Krimi war die Situation jedenfalls ähnlich: Eine Stalltür schlug zu, ein Motor wurde gestartet, ein Pferd brach aus, bäumte sich in der Stallgasse zu voller Höhe, und es dauerte nur wenige Sekunden, bis der offenbar unter die Hufe des Pferdes Geratene seinen letzten Schmerzensschrei ausstieß.
Jung-Lisas erschöpftes Grunzen drang in meine Träume und machte mich darauf aufmerksam, dass ich mich nicht im Pferdestall, sondern im Schweine-Domizil befand, dessen Bewohner selbst dann nicht scheuten, wenn der Höhenbeförderer mit einer Laufgeschwindigkeit von einem Meter per Sekunde durch die Gegend dröhnte.
Wenigstens verfügte der Stall über einen Lüftungsschacht. Hinter einem Holzpfosten lagen ein paar leere Futtermittelsäcke. Einige stanken dermaßen penetrant nach altem Fischmehl, dass ich sie angeekelt in die nächste Ecke pfefferte. Der Rest war, dem Geruch nach zu urteilen, mit Ackerbohnen, Kartoffeln und Rapsschrot gefüllt gewesen und kam als Matratze in Frage. Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass die Ferkelchen nicht ausgerechnet in dieser Nacht Durchfall bekämen, dass mir der Güllegestank nicht den letzten Atem rauben würde und dass keine Ratten im Koben hausten. Sonst trieben sich hier immer ein paar Stallkatzen herum, aber ausgerechnet heute Abend ließ sich kein Kleintiger blicken, als hätte der pfiffigste Kater zu einem Treffen hinter der Scheune aufgerufen, um die kürzlich begangenen Morde innerhalb der Hofbesatzung aufzuklären.
Ich ließ mich auf meine Futtermittelsack-Matratze neben dem geöffneten Lüftungsschacht nieder und schnappte nach Luft.
Die Ringelschwänze produzierten massig Wärme und Gestank, ein Gestank, wie er durchdringender nicht sein konnte. Ich sehnte mich nach dem betäubenden, süßen Dunstschleier, der über dem blasslila Flieder lag, wann auch immer man in seine Nähe geriet. Mir war schon jetzt speiübel, und ich hoffte inständig, dass mir bis zum Morgengrauen der Atem nicht völlig wegblieb.
Bevor ich mich endgültig zur Ruhe begab, warf ich einen letzten Blick durch das kleine Fenster über Lisas Bucht zum Herrenhaus hinüber. Es lag in spätes Dämmerlicht getaucht, nur der weißgelbe Schimmer der erleuchteten Fenster funkelte durch die buschigen Kronen der Sommerlinden, deren geheimnisvolle Silhouetten dunkel gegen die weißen Mauern ragten. Mein lauschiges, mit gediegenem Linnen bezogenes Bett lag im hinteren Teil des Gebäudes, vis-à-vis von Tantes Agnes' Garten, so dass ich leider nicht feststellen konnte, ob auch in meiner Kemenate noch Licht brannte. Eigentlich war es mir auch gleichgültig. Von mir aus konnte Helge im Kleiderschrank Wurzeln schlagen. Meine tiefe Unruhe rührte ohnehin nur daher, dass ich Mutti nicht vor Helge gewarnt hatte. Hoffentlich ergab sich kein Grund, weshalb sie in meinem Zimmer aufkreuzen und mit Luzifer Bekanntschaft schließen musste.
Lisa wälzte sich unruhig im Stroh umher, grunzte aber in äußerst sanfter Manier, während ich mich mindestens alle vier Minuten von einer Seite auf die andere warf. Nebenan scharrte ein nervöses Pferd mit den Hufen, und hin und wieder drang der schrille Schrei eines Nachtvogels durch die Stille der einbrechenden Nacht und durch die Ritzen des Stalls.
Der Gedanke an das kleine Mädchen, das im Wald verfolgt wurde, ließ mich einfach nicht mehr los. Vor meinen geschlossenen Lidern hetzten die zierlichen Beinchen, die in dünnen, braunen Sandalen steckten, über den moosbewachsenen Waldboden des Lachauer Forstes. Die Flucht schien kein Ende zu nehmen, und das Kind wurde kein bisschen langsamer, als habe Hermes ihr Flügel verliehen, um Schwäche und Müdigkeit zu bannen. Aber derart harmlos war es in der Realität wohl keinesfalls gewesen, wenn man Herrn Fuchs' Worten Glauben schenken durfte, was mir nicht besonders schwerfiel.
Ihr Verfolger muss jemand vom Gut gewesen sein, Christine. Aber wer? Knut und Opa kamen nicht in Frage: Opa hat seit Kriegsende ein kaputtes Bein und Knut für solch fiese Possen keine Zeit – bei mehr als zweihundert Kühen und ohne Automatik, mit nur einem Melker. Herr Brandner war, nach allem, was ich über ihn gehört hatte, nicht der Typ, der seine eigenen Feriengäste und erst recht nicht kleine Mädchen jagte; außerdem verfügte er über genug Geschöpfe, denen er nachstellen konnte, wann immer er wollte: Wildschweine, Füchse, Fasanen, Hirsche, Rehe ... Und weil er damals noch lebte, wird Helge sich nicht erdreistet haben, ein Kind durch den Wald zu hetzen, mal ganz davon abgesehen, dass Helge niemals die Polizei benachrichtigt hätte; er wäre das Risiko eingegangen, dass das Mädchen verhungert wäre. Oma konnte es nicht gewesen sein (sie kann nicht schnell genug laufen), Heiner erscheint mir viel zu gutmütig für solche Gemeinheiten, und Deine Tante Agnes kommt ja wohl auch kaum in Frage ...
Als endlich die Morgendämmerung durch die Ritzen der Bretterwände in den Stall kroch, die Sonne zögernd am Himmel erschien, als dächte sie noch darüber nach, ob Hannes und ich es verdient hätten, dass sie sich in all ihrer Pracht zeigte, als der Goldene Brakel seine Stimmbänder und die Tonleiter quälte, fiel ich in einen tiefen, friedlosen Schlaf. Die letzte Frage, die mich beschäftigte, war jene, ob Schweine eigentlich Menschenfresser sind ... was wäre, wenn Lisa jetzt Hunger auf Menschenfleisch bekäme und auf die Barrikaden ging beziehungsweise ihre Bucht stürmte ... und wenn ich dann bereits schliefe ... und ob ich dann rechtzeitig aufwach... gähn, schnarch!, träum!
„Hier“, schnauzte Helge und schob Leni das leblose bunte Federkleid des französischen Gockels unter die Nase. „Willst du wissen, wer ihm den Hals umgedreht hat? Na? Das war dein sauberer Feriengast Katja, diese lesesüchtige Emanze! – Unser prächtiger Hahn! Wenn das meine Mutter erfährt, dann kann nur noch Gott deinem Liebling helfen, sofern es denn einen gibt. Was heute zum Mittagessen auf den Tisch kommt, dürfte dir hoffentlich klar sein, Leni! Fang ruhig schon mal mit dem Rupfen an.“
Ich erwachte davon, dass mir jemand zärtlich übers Haar strich. Das konnte nur Hannes sein. Mutti wäre geschockt gewesen, hätte sie mich hier entdeckt. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass ich schlecht geträumt hatte. Ein Streifen Sonnenlicht war durch das Stallfenster eingedrungen, um mich lächerlich zu machen … um mir aufzuzeigen, wo ich genächtigt hatte, Schweinehirtin, Gänseliesel und so weiter. Mein Kopf dröhnte in einer Weise, als hätte ich mich während der Nacht als Specht betätigt und in dessen Manier die Baumstämme im Lachauer Forst gefoltert, natürlich ohne den speziellen Gehirnschutz dieses sonderbaren Vogels, und sofort überfiel mich die Erinnerung an den nächtlichen Alpdruck ... Ich blinzelte vorsichtig in jene Richtung, in welcher ich die Stalldecke vermutete und fragte schlaftrunken in das gierige Mampfen der Schweine hinein: „Hannes, wie geht es dem Goldenen Brakel ...? Er ist doch nicht etwa ...?“
„Was um alles in der Welt hast du um diese Zeit im Schweinestall verloren, Katja?“, donnerte Axel Kröger. Ich richtete mich verlegen auf und warf hastig die Futtermittelsäcke zur Seite. Lisa begrüßte mich mit einem aufmunternden Quieken, als gehörte ich nach dieser einen Nacht bereits zur Sippe. Irgendwie fühlte ich mich dadurch ein wenig geehrt. Das warme Gefühl hätte sich gewiss noch erheblich vertiefen lassen, wären nicht die abscheulich belustigt funkenden Augen des Gutsinspektors gewesen.
Benommen vom im wahrsten Sinne des Wortes sauschlechtem, viel zu kurzen Schlaf und dem steinharten Lager, taumelte ich neben Kröger über den Hof. Seine mistverklebten Stiefel riefen in mir einen Würgereiz hervor, den ich krampfhaft zu unterdrücken versuchte. Wahrscheinlich hatte er gerade den Kuhstall ausgemistet.
„Sie hätten den Stall ja nun wirklich nicht abzuschließen brauchen. Soviel ich weiß, können Füchse keine Türen öffnen,“ hielt ich ihm wütend vor.
„Füchse nicht, Katja“, grinste Kröger, „aber zweibeinige Halunken. Füchse wären zwei Ställe weiter geschlichen – zu den Hühnern, Kindchen(!) Ich frage mich schon die ganze Zeit, weshalb du dich nicht bermerkbar gemacht hast. Du musst doch gehört haben, dass ich die Stalltür verriegelt habe!!??“
Ich zog es vor, keine Antwort zu geben; es war noch zu früh, Helge zu beschuldigen, und seufzte statt dessen tief auf.
„Hier habt ihr die Vermisste“, sagte Kröger, als wir die Küche betraten. Hannes, der neben Mutti am Tisch gesessen hatte, sprang sofort auf und umarmte mich stürmisch. Aus den Augenwinkeln konnte ich beobachten, dass der Gutsverwalter seine Brauen hochzog, mit einem Gesichtsausdruck, als litte ich an einer ansteckenden Krankheit, die seinen einzigen Sohn dahinraffen könnte. –
„Wo um alles in der Welt hast du sie aufgegabelt, Papa?“, rief Hannes.
„Katja!“, quakte Mutti dazwischen, „musst du uns immer mit deinen Extratouren erschrecken. Mir blieb heute morgen fast das Herz stehen, als ich in dein Zimmer kam und dein Bett ...“
„Du warst in meinem Zimmer“, rief ich aufgeregt. Alle sahen mich entgeistert an.
„Natürlich“, sagte Mutti ungerührt. „Nachdem es bereits neun Uhr geschlagen hatte und deine Oma über deine Unpünktlichkeit immer ungehaltener wurde ... Was hätte ich denn sonst tun sollen?" Sie blickte hilflos in die versammelte Runde.
„Helge ist auch wie vom Erdboden verschluckt“, warf Hannes ein und sah mich dermaßen fragend an, als traue er mir ein nächtliches Schäferstündchen mit dem Hoferben zu.
Schon wieder?, dachte ich ungerührt. Dass Helge sich von Zeit zu Zeit verkrümelt, besonders dann, wenn es ungemütlich zu werden droht, ist doch nun wirklich hinreichend bekannt. Wie kann man sich darüber noch aufregen! Wenigstens scheint er nicht mehr in meinem Zimmer zu sein.
„Weshalb werden die Schweine eigentlich erst um zehn gefüttert?“, fragte ich entrüstet, nachdem ich einen Blick auf die Küchenuhr geworfen hatte. „Die armen Tiere haben doch Hunger.“
„So? Haben sie sich bei dir beschwert?“, fragte Kröger und bedachte mich mit einem durchdringenden Blick. Er wirkte fast ein wenig ärgerlich.
„Falls du heute Nacht wieder im Schweinestall übernachten solltest, richte deinen neuen Freunden bitte aus, dass ich leider nur zwei Hände habe, dass vergangene Nacht eine Kuh gekalbt hat und dass mein Melker heute morgen nicht zur Arbeit erschienen ist.“
Daraufhin wandte er sich demonstrativ der Gnädigsten zu, die ebenfalls am Tisch saß. Ihre bedrückte Miene verriet, dass sie sich große Sorgen machte. Mir war auf der Stelle klar, dass sie an Helge dachte. Leni, die die ganze Zeit über geschwiegen hatte, schien ebenfalls bekümmert zu sein und starrte gedankenverloren in ihre Kaffeetasse.
„Na nun stärk dich erst einmal, Katja ... bevor du deiner Großmutter unter die Augen trittst“, sagte sie nach einer Weile und hielt mir einen Teller mit Schinkenschnitten unter die Nase. „Und dann erzählst mir, weshalb du im Schweinestall übernachtet hast. Außerdem wirst du ein Bad nehmen müssen. Je eher, desto besser.“
Mutti schnüffelte sofort an meiner Kleidung herum und verzog angewidert das Gesicht, und Kröger, der seine scharfen Augen unablässig auf mich gerichtet hielt, grinste mich an, als wären wir schon mal gemeinsam um die Welt gesegelt.