Das Mädchen und die Spieluhr

Bild von Anett Y. Heinisch
Bibliothek

Das Mädchen und die Spieluhr

Wie jeden Morgen saß das kleine Mädchen auf den kalten Stufen vorm Haus, in dem sie seit kurzem mit ihrem Vater wohnte. Ihr Blick ruhte starr auf den roten Lackschuhen an ihren nackten Füßen. Sie schob die immer blank geputzten Schuhe ein klitzekleines Stück weiter nach vorn, sodass die goldene Morgensonne darauf fiel. Jetzt leuchteten sie wie edle Rubine und dem Mädchen huschte ein zartes Lächeln über das rosige Gesicht. Wie jeden Morgen knotete sie die Schuhbänder fest zusammen, denn für feine Schleifen waren sie mit der Zeit zu kurz geworden. Sie seufzte leise, stand auf, zog den Reißverschluss der viel zu großen Jacke bis unters Kinn und straffte ihr buntes Kleidchen.
Wie jeden Morgen machte sich das Mädchen nun allein auf den beschwerlichen Weg zu Schule. Dieser führte sie die lange Straße hinunter, an einsamen, dunklen Gassen vorbei, durch das grüne Wäldchen, hinein in den anderen Stadtteil.
Einen Fuß langsam vor den anderen setzend, schlenderte sie heut besonders langsam. Das Mädchen war müde und, wie so oft, mit den Gedanken bei ihrer verstorbenen Mutter. Das machte sie immer unsagbar traurig und wütend. Wie konnte jemand die geliebte Mutter einfach so von ihr weg holen und ihnen damit die vielen gemeinsamen Jahre stehlen?...
An der ersten Querstraße, welche rechts in eine Gasse hinein führte, angekommen, gingen ihre Blicke versonnen von links nach rechts. Sie wollte beinahe schon weiter gehen, als ihr Blick abermals nach rechts fallend, in der Gasse hängen blieb. Irgendetwas schien da zu sein, was das Mädchen wie magisch in sie hinein geleitete. Vorsichtig und mit eingezogenem Kopf machte sie einen Schritt nach dem anderen und verschwand zwischen den kahlen Häusern. Hier war es beängstigend dunkel, da die Sonne hinter den hohen Häusern unter tauchte. Dunkelheit verband das Mädchen mit furchtbarer Einsamkeit. Die Anspannung ballte ihre kalten Hände zu Fäusten, presste ihre vollen Lippen fest zusammen und ließ ihre grünen Augen wach hin und her gehen, damit ihr keine noch so kleine Regung um sie herum entging.
Plötzlich blieb das Mädchen wie vom Donner gerührt stehen. Ihr schmaler Körper verharrte wie zu Stein erstarrt. Die Augen gingen noch weiter auf und der Mund tat es ihnen gleich. Sie sog die Luft ein und hielt den Atem an. So stand sie da und eine Welle seelischer Berührtheit erfüllte sie von Kopf bis Fuß. Ihr Blick fiel in ein verstaubtes Schaufenster und krallte sich an einem zauberhaften, kleinen, rosaroten Kästchen fest. Goldene und silberne Sterne verteilten sich funkelnd auf dem samtigen Bezug. Ganz allein stand es, auf weißem Tüll gebettet, da in diesem riesigen Fenster. Das Mädchen stolperte auf das Fenster zu und kam erst ganz nah vor der schmutzigen Scheibe zum stehen. Ihre Nase und die weit offenen Hände klebten an der Scheibe, so, als könne sie damit das wundervolle Kästchen bereits spüren.
Gedankenverhangen bemerkte das Mädchen mit einem Mal eine hohe Gestalt in ihrem linken Augenwinkel. Sie ließ abrupt von der Scheibe ab und stand mit gesenkten Lidern seitlich vor dem Fenster. Es war mucksmäuschenstill. All ihren Mut zusammennehmend, lies sie Ihren Blick in Richtung jener Gestalt gleiten. Zuerst erspähte sie riesige grüne Filzpantoffeln. Ein Stückchen höher sah das Mädchen einen langen grauen Rock, dem nach oben hin eine ausgeblichene Bluse folgte. Weiter oben machten sich üppige weiße Locken über hängenden Schultern breit. Diese umgaben ein paar warme, braune Augen, eine knubbelige Nase und einen freundlich lächelnden Mund. Das Gesicht war vom Leben gezeichnet, aber die ausstrahlende Herzlichkeit und Wärme ließen das kleine Mädchen erleichtert aufatmen. Die alte Frau streckte ihr behutsam ihre knochige Hand entgegen. Sie legte zögerlich die Ihre hinein und so folgte sie der freundlichen Dame in deren Haus.
Die Räume lagen in gespenstischem Dunkel. Das wenige Tageslicht, was es bis hier her schaffte, gab tausende verstaubte Spielsachen frei. Teddybären, Eisenbahnen und Puppen füllten alte Regale. Nach einer Weile stand die Kleine genau vor dem Fenster, welches das glitzernde Kästchen in sich beherbergte. Jetzt war es dem Mädchen zum Greifen nah. Sie sah die alte Dame erwartungsvoll an. Ein zartes Nicken und ein weisender Blick, in Richtung Kästchen, gaben dem Mädchen die erhoffte Antwort. Sie machte zaghaft zwei Schritte nach vorn und strich sich ihre roten Locken aus der Stirn, um ganz genau zu sehen, was da Märchenhaftes vor ihr stand. Dann legte sie ganz sacht ihre kleinen Hände auf den schillernden Stoffbezug des Kästchens. Dabei tasteten die dünnen Finger vorsichtig hin und her, um sich in dem weichen Bezug zu vergraben. Das Mädchen schloss die Augen und nahm dieses wohlige Gefühl in sich auf. Sie lächelte. Anschließend hob sie die Schatulle langsam aus dem Fenster und drückte sie liebevoll an ihre Brust. Jetzt strahlte die Kleine über das ganze Gesicht.
Sie sah zu der Dame auf, um in deren Gesicht zu lesen, was als nächstes geschehen durfte. Diese wies das Mädchen an, die Schatulle auf das Fensterbrett zu stellen und zu öffnen. Fragend sah die Kleine erst die alte Frau und dann das Kästchen in ihren Armen an. Etwas widerspenstig kam sie der Anweisung nach. Das Kästchen stand nun auf dem Fensterbrett und das Mädchen fragte sich, was wohl darin sein mochte. Sie zog unsicher und mit zitternden Händen an dessen oberen Ende. Zu ihrem Erstaunen tat es mit den ersten Millimetern einen lieblichen Ton. Die Kleine erschrak und klappte augenblicklich den Deckel wieder zu. Zwei warme Hände legten sich beruhigend auf des Mädchens Schultern. Sie atmete tief durch und versuchte es erneut. Mit jedem Millimeter, mit denen die Schatulle sich auf tat, erklangen liebliche, sanfte, entzückende Töne. Doch was sich dem Mädchen in diesen Momenten eröffnete, ließ sie schier die Fassung verlieren. Das Mädchen schlug die Hände vor den Mund und ihre leuchtenden Augen waren tränenverhangen. Da tanzte eine kleine, elfengleiche Prinzessin in einem traumhaften, wunderschönen, hellblauen Kleid zu den wie Glocken klingenden Tönen im Kreise. Sie hatte die Arme zur Seite ausgestreckt, ihr Gesicht überzog ein seliges Lächeln und ihre langen blonden Haare schienen im Winde zu wehen. So drehte und drehte und drehte sie sich und der kleine Spiegel im Hintergrund verdoppelte diese Szene. Das Mädchen ging ganz nah an das Kästchen heran, umschloss es mit beiden Armen ganz fest, so, als müsse sie diese kleine glückliche Welt beschützen. Langsam wiegte sie sich, der Melodie ergebend, hin und her. Nach einer Weile begann sie, diese betörende Melodie leise mitzusummen.
Die alte Dame hatte dem Ganzen liebevoll und entzückt zu geschaut. Ihr Herz war erfüllt von Freude und unendlicher Zuneigung. Jetzt überlies sie die Kleine ein paar Momente sich selbst und ging in die Küche, um Kakao zu kochen. Als sie in das Zimmer mit dem Mädchen zurück kam, erfüllte Glückseligkeit den Raum. Gemeinsam tranken sie ihren heißen Kakao und kamen behutsam einander näher.....

Prosa in Kategorie: 
Thema / Klassifikation: