Total zugemüllt - mein Leben als Messie - Page 2

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von Annelie Kelch

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zumute, als habe das Leben höchstpersönlich meine Nummer gewählt, um mir mitzuteilen, dass draußen ein Maientag angebrochen war, wie er schöner nicht hätte sein können: strahlender Sonnenschein, sanfte Himmelsbläue und frische Luft, vor allen Dingen frische Luft. In meiner Wohnung konnte man vor lauter Mief kaum noch atmen.
„Roll dich von deiner Müllkippe, Resi, komm in den Stadtpark und brech dir einen Mai“, frohlockte es aus jeder Ecke. Und so unglaublich es klingen mag: Ich summte inmitten des üblen Geruchs der Verwahrlosung: „Der Mai, der Mai, der lustige Mai...“
Meine Wohnung war schummriger als ein früher Winterabend, dabei war es heller Vormittag. Ich knipste das Licht an; die Stromrechnung korrespondierte mittlerweile mit meinem Sammelzwang: Beides war ins Unermessliche gewachsen. Aus den Fenstern konnte ich schon lange nicht mehr schauen, weil sie mit Matratzen vollgestellt waren. Über verschmutzte Scheiben brauchte ich mich nicht zu ärgern.
Es klingelte ein zweites Mal. Ich lauschte den Klängen wie einem wehmütigen Schubert-Lied und versuchte zu lokalisieren, aus welcher Ecke sie mich lockten. Wer auch immer mich sprechen und womöglich treffen will, sie oder er darf unter keinen Umständen meine versiffte Wohnung betreten, beschloss ich kurzerhand. Einen neutralen Ort wie ein Restaurant oder ein Café hielt ich für die beste Lösung.
Ich fischte mein Quasselgerät in letzter Sekunde unter einem Berg Kunstblumen hervor. Die Strippe hatte sich im spinatgrünen Efeu verheddert, aber ich riss den Hörer von der Gabel und rief atemlos in die Sprechmuschel: „Ja? ‑ Resi hier?“
„Hallo Resi! Welch ein Glück, dass ich dich noch erreiche. Ich bin auf der Durchreise. Hast du Lust, mich am Bahnhof zu treffen? Mein Zug geht erst am späten Abend.“
Mich überfiel ein unangenehmes Gefühl, eine Mischung aus Befangenheit und schlechtem Gewissen, als ich die Stimme einer ehemaligen Kollegin erkannte, mit der ich gemeinsam die Ausbildung zur Steuerfachgehilfin absolviert hatte. Ich hatte letztes Jahr unseren sporadischen Kontakt „einschlafen“ lassen, indem ihr nicht wie üblich zum Geburtstag gratulierte.
„Ich komme, Anja“, hörte ich mich sagen, „setz dich schon mal ins Bahnhofsrestaurant.“
Ich bestellte ein Taxi, wusch mich notdürftig in der Küchenspüle, die zufällig „frei“ war, und warf mich in ein nahezu sauberes Jeanshemd, das ich in einen halbwegs knitterfreien Rock stopfte. Dann schlüpfte ich in meine Turnschuhe und marschierte hinaus in den lauschigen Mai.
Anja stand vor dem Bahnhofsportal, als der Taxifahrer sein Gefährt in eine Parkbucht manövrierte. Ich hätte den guten Mann am liebsten auf der Stelle zurückbeordert.
Anja sah hinreißend aus: Das rote Kostüm harmonierte vortrefflich mit ihren dunklen Haaren, und die schwarzen Pumps betonten ihre schlanken Beine. Ihr Gesicht war unaufdringlich geschminkt. Gegen Anja kam ich mir wie eine verwahrloste Hippiebraut vor. Ich fühlte mich mit einem Mal entsetzlich minderwertig.
Dieser unangenehme Zustand vertiefte sich noch erheblich, als mich mein Gedächtnis auf den verwahrlosten Zustand meiner Wohnung lenkte. Wie in Trance kletterte ich aus dem Taxi und schlenderte auf meine frühere Kollegin zu. Anja musterte mich mit befremdlichen Blicken, als könne sie ihren Augen nicht trauen.
„Entschuldige bitte meinen „Aufzug“, Anja“, sagte ich schnell. „Aber ich renoviere gerade meine Wohnung und habe darüber mein Äußeres vernachlässigt. Weshalb hast du dich nicht ins Restaurant gesetzt?“
„Ach weißt du“, sagte sie, nachdem wir uns kurz umarmt hatten, wobei sie auf Abstand hielt, vermutlich, weil ich unangenehm müffelte, „aber in der Gaststube feiern Fußballfans, die stark angesäuselt sind. Ich wollte dort nicht alleine rein.“
„Zu zweit sind wir stark“, lachte ich gequält und zog sie in die Pinte. Wir nahmen an einem Tisch nahe der Theke Platz, damit der Wirt uns im Auge behalten konnte, falls die Betrunkenen uns belästigen sollten.
„Es tut mir leid, dass ich letztes Jahr deinen Geburtstag vergaß,“ hörte ich mich sagen, „aber ich habe die Scheidung von Mark noch immer nicht verkraftet.“ Anja blickte mich wortlos an, und ich fühlte mich verdammt unbehaglich. Wir bestellten uns Fruchteis im Glas, und die Katastrophe nahm ihren Lauf: Einer der Fußballfans, der an der Theke sein Bier getrunken hatte, glitt unverhofft vom Barhocker, stieß gegen unseren Tisch und riss im Fallen das Tischtuch mit. Ich sah das Malheur kommen und konnte mein Eis in letzter Sekunde retten, aber Anjas Glas landete auf ihrem Kostüm. Sie war den Tränen nahe. Der Wirt überließ ihr großzügig seine privaten Gemächer zur Beseitung des Schadens, und Anja verschwand in die hinteren Räume, während ich mein Eis löffelte und zusah, wie der Betrunkene von seinen Kumpanen eingesammelt wurde. Als Anja nach einer Viertelstunde zurückkehrte, sah man ihrer Kleidung das Missgeschick kaum noch an.

„Lass uns spazieren gehen,“ bat Anja. „Mir ist die Lust auf Eis vergangen.“ Ich war erleichtert, dass sie mich nicht in Grund und Boden verdammte, und wir schlenderten in den Stadtpark. Vertieft in ein Gespräch über alte Zeiten, schenkten wir dem Grummeln, das sich am Himmel zusammenbraute, keine Beachtung – bis ein heftiges Gewitter über uns hereinbrach. Es goss in Strömen und wir wurden nass bis auf die Haut. Mir fuhr ein Schreck durch die Glieder, als Anja vorschlug, ein Taxi zu mir nach Hause zu nehmen. Sie könne ihre Reise in diesem Zustand unter keinen Umständen fortsetzen, anderenfalls hole sie sich womöglich den Tod. Obwohl ich ahnte, dass damit das Ende unserer neu aufkeimenden Freundschaft besiegelt war, ließ ich Anja in meine Messie-Höhle. Sie schaffte es bis in die Küche, deren sudeliger Zustand sie sichtlich überforderte, denn sie presste sich plötzlich ihre Hand auf den Mund und flüchtete aus der Wohnung. Ich hörte, wie sie sich im Treppenhaus erbrach. Als die Haustür ins Schloss fiel, schlich ich mich auf den Flur und wischte ihn sauber. Danach warf ich mich auf mein Messie-Bett und rührte mich vier Tage und Nächte lang so gut wie nicht vom Fleck. Ich war wie gelähmt vor Scham. Am sechsten Tag nach diesem demütigenden Erlebnis erhielt ich die Kündigung meines Arbeitgebers, und eine Woche später schleppte ich mich zum Jobcenter, um Arbeitslosengeld zu beantragen.
Wenige Tage später überfielen mich die gewohnten Depressionen, die ich bis zu jenem Zeitpunkt nicht zuletzt aufgrund meiner verhängnisvollen Sammelleidenschaft mehr oder weniger erfolgreich hatte verdrängen können, in immer kürzeren Abständen und längeren Phasen, und mir fiel nichts mehr ein, womit ich mich erfolgreich hätte ablenken können. Bald darauf sah ich mich nicht einmal mehr imstande das Geschirr abzuspülen, worin ich meine Speisen kochte. Meine Wohnung glich mehr und mehr einer Müllhalde. Mich wundert bis heute, dass ich von dem abgelaufenen Dosenfraß, den ich täglich in mich hineinstopfte, nicht auch noch physisch erkrankte. Allerdings stellte sich von einem Tag auf den anderen ein heftiger Hautausschlag auf meinen Armen und Beinen ein, weshalb ich eine Ärztin aufsuchte. Die resolute, aber keineswegs unfreundliche Dame musterte mich von Kopf bis Fuß, sah mir eine Weile unverwandt in die Augen und sagte mir mitten ins Gesicht, dass ich ein Messie sei und Flöhe hätte. Ihre Diagnose wirkte wie ein Elektroschock, dem eine lang herbeigesehnte Erlösung folgte. Ich brach in eine Tränenflut aus, als hätte ich über Jahrzehnte hinweg unter einem erdrückenden Joch gelebt. Frau Dr. M. erhob sich von ihrem Schreibtischsessel, setzte sich mir gegenüber auf einen Lederhocker und hielt meine Hand, während sie den Worten lauschte, die ich unter meinem Geschluchze hervorstieß. Als ich mein Herz restlos ausgeschüttet hatte, drückte sie mir eine Überweisung für einen Psychotherapeuten und die Telefonnummer einer Selbsthilfegruppe in die Hand, und ich machte mich getröstet und zuversichtlich wie schon lange nicht mehr auf den Heimweg. Die Ernüchterung ereilte mich beim Betreten meiner Wohnung ‑ als würde ich zum ersten Mal mit dem Ausmaß meiner Krankheit konfrontiert. Wie hatte es nur so weit kommen können! Mich gruselte vor mir selber. Ich wäre am liebsten für ein paar Tage ins nächste Hotel gezogen. Zum Glück verfügte ich über einen Notgroschen. Ich lief in die nächste Apotheke und kaufte zwei Dutzend Spraydosen gegen Ungeziefer. Noch am selben Abend sprühte ich meine Wohnung damit ein, schaufelte ein Fenster frei und ließ frische Luft in die Räume. Die Nacht verbrachte ich in einer kleinen Pension.
Gleich am nächsten Morgen nahm ich Kontakt mit dem Leiter der Selbsthilfegruppe auf. Damit stellte ich die Weichen für meine Gesundung. Schon nach dem ersten Treffen wurde mir klar, dass mir nichts Besseres hätte passieren können. Ich lernte Menschen kennen, denen wie mir scheinbar unüberwindbare Enttäuschungen widerfahren waren, die sie ins Abseits driften ließen – und hier traf ich, so unglaublich es auch klingen mag, jenen freundlichen Mann wieder, der mir auf der Kunstauktion das begehrte Jugendbuch überlassen wollte.
Rouven ist Lehrer für Deutsch und Englisch und hat Ähnliches durchgemacht wie ich. Entgegen landläufiger Meinungen ist es keinesfalls so, dass nur „kleine“ Leute vom Messie-Syndrom befallen werden; wir Messies kommen aus allen sozialen Schichten.

„Meine Gruppe“ bestand aus fünf Frauen und drei Männern, die aus unterschiedlichen Gründen dem Sammelzwang verfallen waren. Wir verstanden uns auf Anhieb, was äußerst selten ist, wenn man den Worten unseres Gruppenleiters Gerold Glauben schenken darf. Ich hatte großes Glück, dass ich auf diese Menschen traf. Schon nach wenigen Wochen gingen wir gemeinsam die Entrümpelungen an, Wohnung für Wohnung, sanft, aber nachdrücklich. Gerold überwachte unsere Aktion. Von den unzähligen Dingen, die ich im Laufe der Jahre gehortet hatte, hielt ich weniger als zehn Teile für würdig, Einzug in meine renovierten Räume zu halten.
Das mag den Eindruck erwecken, mir sei die Entrümpelung meiner Wohnung leicht gefallen, aber das Gegenteil war der Fall: Ich hätte heulen und schreien mögen, als meine Schätze Stück für Stück aus der Wohnung getragen wurden. Ohne Rouvens liebevollen Beistand und dem Verständnis meiner Leidensgenossen hätte ich diese Aktion ganz gewiss nicht unbeschadet überstanden.
Heute bin ich froh, dass ich mich nicht länger für den Zustand meiner Wohnung schämen muss. Ich kann endlich wieder duschen und aus den Fenstern schauen. Eine neue Arbeitsstelle habe ich auch gefunden: beim Finanzamt, als Sachbearbeiterin.

Rouven und ich harmonieren vortrefflich miteinander. Wie gut, dass ich nun weiß, dass es nicht nur eine große Liebe im Leben eines Menschen gibt; denn sollte unsere Beziehung wider Erwarten in die Brüche gehen, werde ich zwar um meine verlorene Liebe trauern, aber aufgrund meiner leidvollen Erfahrung zu verhindern wissen, dass sich die Schwermut erneut in mein Leben schleicht und sich dort Nester baut.

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Ich war noch nie Messie - aber ich hoffe, dass ich das richtig nachempfunden habe.

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