Gefährlicher Sommer (Teil 29; Text 1) - Page 2

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von Annelie Kelch

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als fröstelte ihn – mitten im Sommer, als habe er Hals über Kopf das Gedächtnis verloren. In seinen Augen funkelte eine unbändige Angst.
„Je nun“ begann er stockend, „der Helge ... Es war im vorletzten Jahr, als ich einen verendeten, schweißenden Fuchs, pardon, Herr Kommissar Fuchs, aus einer Drahtmaschen-Schlinge zog, die irgendein Wilderer gelegt hatte. Das Tier hatte darin gewiss bereits mehrere Tage verbracht und roch schon recht unangenehm, aber Helge, der mich dabei beobachtet hat, drehte die Sache so, als hätte ich diese Falle gebaut und drohte damit, der Gnädigsten zu stecken, was ich für einer sei, ein Wilderer, ein hundsgemeiner Lump und nichts weiter. Ich wisse ja wohl, was das nach sich zöge: Die Gnädigste würde mich mit Schimpf und Schande vom Gut jagen. Dass es mit dem Hof meiner Schwester nicht gerade zum Besten stünde, darüber sei er längst unterrichtet. Das Füchslein wäre wohl für sie, meine Schwester, gedacht. Für mich jedenfalls habe das letzte Stündchen geschlagen, es sei denn, ich würde mich einsichtig zeigen. Ich fragte ihn sofort, was ich denn tun könne, damit er mich nicht verriete. – Du musst mit mir zusammenarbeiten, Kendler, was denn sonst wohl, hat Helge erwídert. Und zwar auf Gedeih und Verderb. Er selbst schösse hin und wieder Wildschweine und Hirsche. Das ginge niemanden etwas an, schon gar nicht seine Mutter. Im Übrigen gehöre ihm dieser Wald ohnehin bald. Und falls ich glaubte, ich könne ihn in die Pfanne hauen – mir würde eh niemand glauben. Jagen sei Herren- und niemals Bauernrecht. Das dürfe ich keinesfalls verwechseln. Das sei schon immer so gewesen. Und schließlich sei ich noch nicht mal ein Bauer, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Melker. Er sei immerhin der Hoferbe ...“
„Hundsgemeiner Lügner!“, zischte Helge. –

„Er schösse das Wild“, fuhr Heiner ungerührt fort, „und ich hätte auf seinen Befehl hin die Tiere aus dem Forst zu holen und zu verstecken. Alles andere ginge mich nichts an.“
Blödsinnigerweise schoss mir plötzlich der Text eines Liedes durch den Kopf, das wir häufig im Musikunterricht singen müssen, liebe Christine, und zu allem Überfluss auch noch im Kanon. Unser Musiklehrer hat eine Schwäche für Volksmusik und mehrstimmiges Geträller. Die erste Strophe des Liedes wollte mir plötzlich nicht mehr aus dem Sinn: „Ich bin ein freier Wildbretschütz und hab ein weit Revier. Soweit die braune Heide reicht, gehört das Jagen mir“. (Ein Text, der mir in Anbetracht dessen, was ich hier zu Ohren bekam, urplötzlich hochrevolutionär erschien, liebe Christine.)
„Und wo haben Sie die getöteten Tiere hingeschafft?“, erkundigte sich Herr Fuchs.
„Auf den Hof meiner Schwester, in eine Kühlkammer“, stammelte Heiner.
„Nun, das hat sich Herr Brander aber vortrefflich ausgedacht“, stellte der Kommissar nachdenklich fest. Heiner nickte beklommen.
Er tat mir fast leid. Die Gnädigste, die sich in bekümmertes Schweigen hüllte, war leichenblass geworden, und es kam mir so vor, als habe die steile Sorgenfalte zwischen ihren Augenbrauen in diesem Moment beschlossen, sich dort für immer und ewig einzunisten. Ihre dunkelblauen Augen schweiften in die Ferne – wie von einem riesigen Kummer umschattet. Kröger legte besorgt seine Hand auf ihre Schulter, und ich spürte postwendend einen brennenden Stich in der Herzgegend.

„Und jetzt die Sache mit Knut“, befahl Herr Fuchs. „Bitte von Anfang an. War dieser Knut an diesem gefährlichen Spiel auch beteiligt?“

„Aber keineswegs, Herr Kommissar“, wehrte Heiner entrüstet ab.
Oma hatte Heiner bei dieser Frage mit Augen, so groß wie die des bösen Wolfs, bevor es das Rotkäppchen fraß, einen scharfen Blick zugeworfen und nickte jetzt heftig. Ich hätte nicht in Heiners Haut stecken mögen, wären in seiner Antwort auch nur eine negative Silbe, ein negatives Tönchen mitgeschwungen.

„Knut hatte von der Wilderei keine Ahnung“, fuhr Heiner fort, „bis er ..." Seine Stimme brach und sackte ins Weinerlich ab; er räusperte sich verlegen. „... bis er mich im Wald erwischte, als ich einen erlegten Hirsch auf der Schubkarre abtransportieren wollte. Helge hatte ihn am frühen Morgen geschossen und mir die Stelle genau beschrieben. Knut wollte an jenem Tag nach den Wildschweinen sehen. Er befand sich auf seinem üblichen Reviergang. Damit unterstützte er die beiden amtierenden Förster. Ich rechnete nicht mit ihm, weil er beim Frühstück erzählt hatte, er wolle mit dem Bus nach Lübeck fahren. Zum Zahnarzt. Wahrscheinlich hatte er es sich anders überlegt, weil die Schmerzen mit einem Mal wie weggeblasen waren. Knut ging ganz selten zum Arzt, möglichst gar nicht. Zahnärzte konnte er schon gar nicht ...“

„Ja, ja, schon gut, Herr Kendler“, fiel der Kommisssar ihm ins Wort. „Kommen Sie bitte auf den Punkt.“

„Je nun“, sagte Heiner, dessen von Falten zerfurchtes Gesicht mit jedem Wort des Kommissars verzweifelter wirkte.
„Am Mittagstisch hatte es sich jedenfalls so angehört, als könne er die Schmerzen kaum noch aushalten. Deshalb war ich sicher, dass er mir im Wald nicht in die Quere kommen würde ...
Er hat mich zuerst gesehen und rief: Halt! Bleib sofort stehen!
Ich geriet in Panik, ließ Schubkarre Schubkarre sein und rannte los, stolperte dann aber unglücklich über eine Baumwurzel. Einen Moment später war Knut über mir, nahm mir die Flinte ab und versetzte mir einen Kinnhaken.“
„Sie waren bewaffnet?“, fragte Herr Fuchs ungehalten.
„Ja“, gab Heiner zu. „Helge hat darauf bestanden. Damit ich mich gegen die Wildhüter zur Wehr setzen konnte.“
Opa schüttelte ungläubig den Kopf.
„Dann band er mir Hände und Füße zusammen“, fuhr Heiner fort.

Hannes grinste, Kora schien atemlos vor lauter Spannung, und für einen Hochbegabten stand Konny der Mund viel zu weit offen – als sei er ein Balljunge vom Tennisplatz, der sich nicht die Hände schmutzig machen wollte.
„Weiter, Herr Kendler“, drängte das Füchslein. Es lag eine unglaubliche Spannung in der Luft, dermaßen dramatisch, wie man sie sich nicht einbilden konnte.
Helge und Heiner waren zu erbitterten Gegnern geworden, die die Schwerter kreuzten. Oder waren sie Feinde seit eh und je und niemand hat es bislang kapiert?

„Ich bin bereits seit einer geraumen Weile hinter euch her, hat Knut mich wütend angeknurrt. Dass du dich zu so etwas hergibst, hätte ich nie für möglich gehalten. Schäm dich, Heiner! Und erzähl mir jetzt nicht, du hättest das Tier hier zufällig gefunden und die Aasfresser wären schon darüber hergefallen. Mir sind in diesem Gebiet schon seit geraumer Zeit Rehschlingen aufgefallen. Was für eine erbarmungslose Tierquälerei! Fehlt nur noch, dass du dich vermummst oder dein Gesicht geschwärzt hättest – wie jene Wilderer im finsteren Mittelalter! Pfui Teufel! Das ist gewerbs- und bandenmäßige Wilderei; ihr seid eine organisierte Verbrecherbande. Aber wartet! Ich kriege euch! Allesamt! – Wer einmal gewildert hat, kommt immer wieder. – Ich beichtete ihm schließlich alles.

Und was macht ihr Halunken mit dem erlegten Wild?, hat Knut mich dann gefragt.
Weiß nicht, gab ich wahrheitsgemäß zur Anwort. Helge holt die toten Tiere meistens am nächsten Tag bei meiner Schwester ab und fährt mit ihnen fort, ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. Er kommt immer nachts. Extra aus Kiel.
Ja, klar, hat Knut höhnisch gelacht – damit ihn niemand erkennt. Und dass du es weißt, Heiner: Dieser Schuft verhökert das Wild an Gaststätten und Wildbrethändler, vielleicht sogar an ein oder den anderen Pfaffen. Denen soll es momentan ja angeblich so schlecht gehen. Die Häute verkloppt er an Gerbereien. Wilderei auf Bestellung nennt man das. Scheint mir ein Verbrecherring von der übelsten Sorte zu sein, bei dem du da mitmischt. Aber damit ist jetzt Schluss! Ich werde der Gnädigsten Meldung machen. Dass Helge nicht mehr studiert und jede Menge Spielschulden hat, weiß ich längst. – Wann ist dieser Bock geschossen worden? Der ist doch erst seit ein paar Stunden tot. – Er hat auf das Tier gestarrt, dessen Läufe mit einem Strick zusammengebunden waren.
Im Morgengrauen, vermutlich von Helge erlegt, gab ich kleinlaut zu. Er oder ein anderer Wildschütz hat bei meiner Schwester eine Nachricht in den Briefkasten geworfen.“
Heiner machte eine Pause, griff in die Brusttasche seiner Latzhose und zog eine zerknitterte Zigarette und einen Zettel hervor, auf dem allem Anschein nach eine Wegbeschreibung hingekritzelt war.
„Hier, Herr Kommissar“, sagte er, und reichte dem Kriminalen den Wisch. Seine Augen blickten tieftraurig und voller Verzweiflung, „das ist eine von Helges Fundortbeschreibungen, ich meine eine Skizze von jener Stelle, wo ich das Wild, das er geschossen hat, auffinden würde.“

„Blödmann“, motzte Helge, zog an seiner Zigarette, und blickte uns der Reihe nach aus halb zusammengekniffenen Augen und schiefgelegtem Kopf an. Seine unsteten, tiefliegenden Augen flackerten wie die Flammen eines mittleren Osterfeuers.

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