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„Da“, sagte Leni und zeigte erschüttert auf vier blutige Katzenleiber, die unter dem mittleren Fenster des Herrenzimmers lagen. Die Tiere waren grausam zugerichtet; augenscheinlich waren sie erschlagen worden – mit der dicken Eisenstange, die im Rosenbeet lag. Was für ein jämmerlicher Anblick!, dachte ich. Die armen Katzen!
„Ich habe damit nichts zu tun“, wiederholte Leni zum x-ten Mal. Dicke Tränen tropften auf ihre frisch gestärkte weiße Schürze.
Leni macht auf mich wahrhaftig nicht den Eindruck, als leide sie zuweilen unter Amnesie, Christine. Oder wandelt die treue Seele etwa im Schlaf?
Ich nahm unser gutes Lenchen in den Arm und strich ihr über die tränenfeuchten Wangen.
„Das wissen doch alle hier, Leni“, sagte ich.
„Dann sag du mir, Katja, wer das war, wer mir eine solche Gemeinheit in die Schuhe schieben will.
Ich weiß todsicher, dass jemand den Verdacht auf mich lenken will. Im vorletzten Jahr ...“, schluchzte sie.
„Ist ja gut, Leni“, unterbrach ich sie. Die Sache vom vorletzten Jahr war längst abgehakt, und ich wollte keinesfalls, dass sie sich daran erinnerte.
Oben öffnete jemand ein Fenster. Wir hoben unsere Köpfe empor und erblickten die Gutsherrin, die ihren Kopf aus einem der Fenster ins Freie streckte.
„Was soll dieser fürchterliche Lärm um diese Zeit, Leni? Ist wieder Krieg ausgebrochen? Müssen wir flüchten?“
Leni deutete voller Verzweiflung und mit einem Ausdruck unglaublicher Demut auf die schrecklich zugerichteten Tiere.
„Ach du meine Güte“, stöhnte Frau Brandner. „Mir bleibt aber auch nichts erspart. Ich komme gleich.“
Es dauerte keine fünf Minuten und die Gnädigste stand vor uns. Der volle Haarknoten, den sie im Nacken zu tragen pflegt, war aufgelöst und ein paar dunkelblonde Haarsträhnen umrahmten ihr schmales Gesicht. Sie trug einen eleganten hellgrünen Morgenmantel aus Samt und sah viel jünger aus als sonst.
„Leni hat die Katzen hier gefunden, Frau Brandner“, sagte ich. „Sie hat nichts damit zu tun.“
Leni ließ ein lautes Wimmern hören.
„Das hab ich eigentlich auch nicht angenommen, Katja“, sagte Frau Brandner.
„Aber wer um alles in der Welt ...? Wo ist Helge? Sie sah sich nervös auf dem Hof um. Ihr linkes Augenlid zuckte unruhig auf und ab.
„Er soll sofort die Dorfpolizei verständigen.“
Helge ist schon seit halb vier auf dem Feld“, fand Leni endlich ihre Sprache wieder. „Ich hab ihn heute Früh hinuntergehen hören. Habe die ganze Nacht kaum ein Auge zugemacht."
Ein tiefer Schluchzer und zwei schier endlose Seufzer folgten.
„Ja, ist dir denn kein Geräusch aufgefallen? Kein Mauzen oder Miauen, Leni? Die Tiere werden doch nicht alles klaglos erduldet haben?“, fragte Frau Brandner ungläubig.
„Nicht einen Sterbenslaut hab ich vernommen“, sagte Leni feierlich, als müsse sie einen Eid darauf leisten, aber ihre Stimme klang erschreckend kraftlos.
„Dann sind die Tiere vermutlich woanders umgebracht worden. Danach hat man sie uns vors Haus gelegt. So eine Niedertracht“, stellte Frau Brandner zornig fest.
„Na, das wird sich bald alles aufklären, Leni (wie der Mord an Knut?, dachte ich skeptisch). Wir frühstücken jetzt erst einmal in Ruhe.“
Sie wandte sich an mich, wieder ganz „Herrin auf Lachau“, die seit dem Tod ihres Gatten allein mit dem lieben Vieh, Getreide und Wald fertig werden musste.
„Ach Katja, sei bitte so lieb und schicke Heiner aufs Feld, damit er Helge benachrichtigt“, bat sie mit einer Stimme, die gewohnt war, Befehle zu erteilen.
Ich machte mich sogleich auf den Weg. Schon nach wenigen Metern stieg mir der Geruch des Kuhdungs in die Nase, aber der war mir tausendmal lieber als die stinkenden Autoabgase, die von der Dorfchaussee herüberwehten.
Heiner stand vor der Stalltür und rauchte seine Pausenzigarette.
„Heiner!“, rief ich. „Du musst sofort aufs Feld und Helge holen. Vor dem Haus liegen vier ermordete Katzen.“
Der alte Stallknecht der Gnädigsten grinste breit und sagte: „Hat Leni wieder mal zugeschlagen oder war es diesmal der Gärtner?“
„Lass den Quatsch“, rief ich wütend. „Leni hat damit nichts zu tun. Übrigens: Das ist ein Befehl - von der Gnädigsten.“ –
Axel Kröger erschien im Torrahmen. Ich erzählte ihm von den toten Katzen. Er runzelte die Stirn und zog ein nachdenkliches Gesicht.
„Wo will Heiner denn so plötzlich hin?“, fragte er unwillig.
Heiner war bei den Worten ,Befehl' und ,Gnädigste' wie der Teufel aus Angst vorm Gewitter auf sein Fahrrad gesprungen und raste Hals über Kopf den Feldweg hinunter, der im Schatten des Lachauer Forstes verlief und angenehm kühl war.
„Helge holen“, gab ich kurz und knapp Auskunft. „Helge soll die Dorfpolizei verständigen.“
„Helge! So, so!“, wiederholte Herr Kröger. „Ist denn das Telefon kaputt? Soweit ich unterrichtet bin, ist Hof Lachau seit geraumer Zeit mit dieser technischen Errungenschaft ausgerüstet.“
Er schüttelte verständnislos den Kopf und ging zurück in den Stall. Ich machte auf den Absatz kehrt und schlug den Weg zum Herrenhaus ein, als ich seine Stimme hörte. „Katja! Warte bitte einen Augenblick.“
Ich trottete zurück. „Ja, Herr Kröger?“
„Weshalb sagst du eigentlich immer noch ,Herr Kröger' zu mir; ich habe dir ...“
„Ist das jetzt wirklich so wichtig, Herr Kröger?“, fragte ich. „Ich bin hundemüde. Ich habe Ferien. Ich möchte meine Ruhe haben. Suchen Sie sich bitte eine andere zum Scherzen.“
„Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich mit dir scherzen will?“
„Nicht?“, fragte ich. „Ich dachte, Sie wären ein einsamer Mann in den besten Jahren, der gerne mit jungen Mädchen flirtet.“
„Nicht im Geringsten, Katja. Bist du eigentlich immer noch der Meinung, dass ich zum Kreis der Verdächtigen im Mordfall Knut gehöre?“
„Ach, hat Hannes geplaudert?“, erkundigte ich mich mit amüsierter Stimme.
„Nein“, sagte er. „Hannes hält dicht, wenn er sein Ehrenwort gegeben hat, und ich weiß beim besten Willen nicht, weshalb du mich hinter Schloss und Riegel sehen willst.“
„Das kann Ihnen doch völlig egal sein, Herr Kröger, sofern Sie unschuldig sind“, erwiderte ich und suchte schleunigst das Weite.
***
Ich rannte ins Haus, totmüde, Christine, kroch die Wendeltreppe empor, riss mir mit zwei Handbewegungen den Trainingsanzug vom Leib und warf mich ins Bett. Wenige Minuten später fiel ich einen festen, traumlosen Schlaf – bis Mutti die Frechheit besaß, mich zu wecken.
„Katja“, säuselte sie. „Es ist gleich halb neun. Steh bitte auf. Oma wartet mit dem Frühstück auf dich.“
Sie strich mir übers Haar.
„War denn die Polizei schon da?“, fragte ich verschlafen. „Wegen der ermordeten Katzen?“
„Sie sind immer