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ihrer Herzenskälte zu befreien, verspotten sie mich! Statt einander zu helfen und ihr Leben neu auszurichten, denken sie nur an ihren eigenen Vorteil zu Lasten der Schwachen! Statt ihre Strafe durch Einsicht abzuwenden, laufen sie immer mehr ihrem Unglück entgegen!“
Kaum hatte der Mann geendet, wurde er vom Blitz getroffen und schien sich zeitgleich in Luft aufzulösen. Jona fiel aufgrund der Wucht des Einschlages rücklings zu Boden, kam dabei heftig mit dem Hinterkopf auf und verlor das Bewusstsein.
„Hey Alter, aufwachen!“
Freundlich schaute ihn das Wesen an. Hellgrün mit zum Teil bläulichen Akzenten schimmerten die nackenlangen Haare im Sonnenlicht. Ein Ring verband beide Nasenlöcher und rief kurzzeitig Erinnerungen an allgemein bekannte Weidentiere hervor.
„Ist es vorbei?!“
Theresa leerte ihre Bierflasche und stellte sie zur Seite.
„Sorry, aber ich muss weiter! Pass auf dich auf!“
„Warte doch mal!“
Das Skateboard hatte sich bereits ansatzweise in Bewegung gesetzt. Gekonnt wurde es mit einer gezielten Fußbewegung wieder gestoppt, aufgerichtet und gegen die Abgrenzung der Flussuferpromenade gelehnt.
„Ich habe es wirklich eilig. Vielleicht gehst du mal ins Krankenhaus dort drüben, um dich durchchecken zu lassen. Ach ja, das Flaschenpfand ist übrigens jetzt deins, aber mehr kann ich wirklich nicht tun.“
Empört erhob sich Jona schwerfällig vom Boden bis er ihr Auge in Auge gegenüberstand.
„Sehe ich etwa so aus wie ein Obdachloser?!“
„Hey Mann, entspann dich mal! Du liegst hier früh morgens einfach so im Weg herum und willst mir erzählen, dass alles OK ist oder wie?!“
Seine Blicke schweiften ungläubig umher.
„Gott sei Dank, es ist nichts passiert …“
Theresa schaute ihn irritiert an.
„Was soll denn passiert sein?“
„Feuer, überall Feuer … vom Himmel und der Fluss blutrot …“
Sie zog das Smartphone aus der Hosentasche und schüttelte mitleidig den Kopf.
„Das klingt echt nicht gut. Ich rufe mal besser den Rettungsdienst.“
Jona wandte ihr daraufhin sofort den Rücken zu und ging in die Richtung, in der seine Wohnung lag.
„Was soll’s, du bist schließlich alt genug!“
Ohne zu zögern stieg sie auf ihr Skateboard und überholte ihn mühelos.
„Na ja, eigentlich hatte sie es ja nur gut gemeint.“
Wenig später betrat Jona das traute Heim und nahm erst einmal eine ausgiebige Dusche. Ungefähr eine Stunde musst er dort unten an der Flussuferpromenade gelegen haben. Diese Schlussfolgerung ergab sich nach einem Blick auf die Wanduhr in der Küche. Sichtlich erschöpft von den jüngsten Ereignissen und einer nahezu durchwachten Nacht, übermannte ihn schließlich der ersehnte Schlaf beim Erreichen des Bettes.
Erst beim dritten Versuch riss Jona seine Augen auf und eilte leicht benommen zur Wohnungstür. Der Paketbote schien ungewöhnlich geduldig gewesen zu sein, denn die Intervalle zwischen dem Läuten der Klingel waren ausreichend lang, um als Empfänger erfolgreich reagieren zu können.
„Sorry, ich komme gerade aus dem Bett.“
„Nichts Problem, du heute eh letzter Kunde.“
Jona unterschrieb auf dem entsprechenden Display, schloss wieder die Tür und öffnete neugierig das Päckchen. Eigentlich konnte er sich nicht daran erinnert etwas bestellt zu haben, aber die Sendung war zweifelsfrei für ihn bestimmt. Zum Vorschein kam eine sonderbare Fernbedienung mit nur einer einzigen Taste.
„Was soll denn das?“
Der Mann auf dem Bildschirm schien die halluzinierte Person vom vergangenen Morgen am Flussufer zu sein. Schnell nahm Jona seine Tabletten, denn mittlerweile war es schon später Nachmittag. Egal wie oft er den Fernseher auch ein- und ausschaltete, das Programm blieb unverändert.
„Vergiss deine Tabletten, die brauchst du jetzt nämlich nicht mehr.“
Nach wenigen Handgriffen entfernte ein entsprechend geeigneter Schlitzschraubendreher die kleine Kamera aus dem Fernseher.
„Sei nicht albern Jona oder denkst du wirklich, ich wäre auf diesen technischen Schnickschnack angewiesen?“
Jona sackte auf sein Sofa und starrte das Gegenüber mit weit geöffnetem Mund an.
„Du hast ja bereits erfahren, was mit deiner Stadt geschehen wird. Die Menschen hier denken nämlich nur noch an sich, treten die Schwachen mit Füßen, zerstören die Natur und ihre Herzen hängen an ...“
Der Mann hatte nicht nur bedrohliche Ähnlichkeit mit Jona, er schien wohl auch dieselbe psychische Erkrankung zu haben.
„Sitz hier nicht länger tatenlos herum. Du musst die Menschen darüber aufklären, was geschehen wird. Nur wer auf dich hört, überlebt das drohende Unheil.“
„Was für eine abgefahrene Scheiße.“
Der Bildschirm färbte sich wieder schwarz. Egal wie häufig auf die einsame Taste der Fernbedienung gedrückt wurde, es geschah nichts. Leichter Rauch ging stattdessen von ihr aus und gelangte über die Atemwege in seinen Körper. Es dauerte nicht lange bis Jona krampfend auf dem Boden lag und vergeblich versuchte die Steuerung fallen zu lassen. In seinem Kopf schien ein Neuronenfeuerwerk gezündet worden sein. Der Anfall wich erst nach einigen Minuten, hinterließ aber keinen lädierten, sondern einen energiegeladenen Körper.
Rastlos durchschritt er die Wohnung und überlegte, was wohl als nächstes geschehen würde. Sämtliche Tablettenvorräte schienen sich in Luft aufgelöst zu haben, genau wie der mysteriöse Inhalt des Päckchens. Traum oder Wirklichkeit? Hoffnung oder Zweifel? Auf die Straße gehen oder besser gleich zum Arzt? Fragen über Fragen suchten Antworten und wäre nicht die Wohnungstür aufgesprungen …
„Die habe ich doch eben verschlossen oder etwa nicht?“
In diesem Moment erschien ein letztes Mal der Mann auf dem Bildschirm.
„Jetzt geh schon, denn dir bleibt nicht mehr viel Zeit!“
So sehr er sich auch zu wehren versuchte, sein Körper verselbständigte sich und nach etwa einer halben Stunde stand Jona auf dem Marktplatz der dem Untergang geweihten Stadt.
„So hört mir doch endlich zu! Euer aller Leben ist in Gefahr, denn wenn ihr so weiter macht wie bisher, dann wird diese schöne Stadt gemeinsam mit euch untergehen!“
Die meisten Menschen ignorierten ihn einfach. Einige machten sich lustig und ganz wenige fühlten sich provoziert, glücklich darüber, endlich ein passendes Opfer gefunden zu haben. In der Mitte des Marktplatzes befand sich ein großer Brunnen. Der Stadtgründer thronte in dessen Zentrum als überlebensgroße Statute auf einer vergoldeten Plattform, umgeben von zirkulierendem Wasser. Jona hatte zuvor verzweifelt nach einem geeigneten Ort Ausschau gehalten und befand sich jetzt direkt bei dem Mann aus Stein auf der Plattform.
„Hey du Kasper, halt endlich dein Maul!“
Jona dachte nicht daran und versuchte seine Worte nun direkt an die beiden Jugendlichen vor ihm zu richten. Diese reagierten entsprechend ungehalten, erklommen das Denkmal und zerrten den selbst ernannten Prediger von dort herunter. Einer von ihnen schubste ihn bäuchlings in das Wasser des Brunnens und der andere Jugendliche drückte Jonas Kopf bei jedem erfolglosen Versuch Luft