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willst, musst du wohl mit uns vorlieb nehmen“, sagte er und sah mich herausfordernd an. Er war fast einen Kopf größer als ich und trug glattes, an den Seiten kurzgeschnittenes schwarzes Haar. Ein paar widerspenstige Strähnen fielen in seine Stirn. Aus einem mageren, sonnengebräunten Gesicht funkelten mich zwei graublaue Augen verwegen an. Seine schlacksige Gestalt wirkte fast hager. Den schmalen Oberkörper bedeckte ein schlichtes Baumwollhemd, dessen Farbe mit „jenseits von Blütenweiß“ exakt beschrieben war. Es fiel eher zipfelig als salopp über mitternachtsblaue Nietenhosen, die knalleng an seiner Haut klebten, wodurch seine langen dünnen Beine noch um einiges staksiger wirkten. Laufwerkzeuge dieser Art nennen wir Killer-Tangenten, weil sie unter den Schultischen hindurch meilenweit in die Gänge ragen und man ständig auf der Hut sein muss, auf dem Weg zur Tafel, der für die meisten von uns schon qualvoll genug ist, nicht auch noch zu stolpern und sich das Genick zu brechen.
Eher Tick, Trick und Track als „halbstark“, dachte ich amüsiert, nachdem sich meine Fassungslosigkeit gelegt hatte. Fehlt nur noch, dass Onkel Donald gleich aufkreuzt. Fast hätte ich mich umgedreht und nach dem Enterich Ausschau gehalten. Wären die Kindsköpfe zu Viert gewesen, hätten sie mich umzingeln können. – Sie haben es gar nicht erst versucht.
Ich starrte auf die braun gebrannten Füße des Leithammels dieser Zwergenclique; sie stecken in ursprünglich schwarzen, ziemlich ausgelatschten Turnschuhen, auf denen sich eine schmutzig graue Staubschicht angesiedelt hatte. Kein Wunder! Während der heißen Sommermonate wabert der knochentrockene Staub wie schmutziger Puderzucker nicht allein über den glühenden Feldwegen, sondern auch über der Allee und dem Kopfsteinpflaster im Hof und wird mit jedem Schritt hochgewirbelt.
Als ich immer noch schwieg, nahm der hartnäckige Knabe erneut Anlauf und behauptete kess: „Deine Busenfreundin(!), die Pechmarie Stinetrine (!), hat sich ja wohl das Bein gebrochen.“ –
„So ein Blödsinn!“, entgegnete ich wütend, „erstens heißt meine Freundin nicht Stinetrine, sondern Christine, zweitens ist sie keine Pechmarie, sondern ein ganz normales junges Mädchen, und drittens hat sie sich nicht das Bein, sondern das Sprunggelenk gebrochen.“
„Das ist ja wohl ...“ –
„Längst nicht ein- und dasselbe, Hannes(!)“, widersprach eine vertraute Altweiberstimme neben mir, bevor Hänschen Wichtigtuer seinen Satz beenden konnte. – Leni! – Sie war urplötzlich aus dem rapsgelben Feld aufgetaucht. Im Arm hielt sie einen riesigen Strauß aus Kornblumen und wilder Kamille. Vermutlich hatte sie den Rest dieses blödsinnigen Dialogs mitbekommen.
„Übermorgen geht's in den Kirschgarten, Kinder, zum Süßkirschen-Pflücken. Jede Hilfe ist willkommen. Wer Lust hat und sich sattessen möchte ...“ –
„Mhmm, große Klasse, ich komme bestimmt“, rief das fremde Mädchen. Leni lachte und legte ihren Arm um mich. „Na, Kathinka, dann lass uns mal nach den Hühner schauen, bevor du dich ganz und gar in Selbstmitleid auflöst. Wie wäre es, wenn du einen langen Brief an Christine schreibst? Darüber wird sie sich gewiss freuen, die Ärmste. Im Krankenhaus! Bei diesem Wetter! Und zu allem Unglück auch noch in den Ferien! Sei froh, dass du gesund bist und laufen kannst.“ – Typisch Leni: weit über siebzig und hat sich noch nie beklagt, obwohl ihr die harte Arbeit im Haus und auf dem Hof sehr viel Kraft abverlangt.
Beim Abendessen grübelte ich immer noch Lenis Worten nach. Ein Wirrwarr aus verschwommenen Gedanken rotierte wie ein Mühlrad unaufhörlich in meinem Kopf herum. Was ich jedoch hundertprozentig begriffen hatte, war, dass sich ein Schatten auf meine heißersehnten Sommerferien gesenkt hatte, der Schatten eines Bremer Hausmeisters mit Bohnerfimmel. Ich hätte ihn gern zur Rede gestellt.
Leni hat Recht! Christine verdient Mitgefühl, nicht ich, fiel es mir irgendwann wie Schuppen von den Augen. Ich schämte mich sehr für mein Verhalten am Nachmittag. Obwohl ... Unsinn! –
Wie im Wachtraum schob sich mit einem Mal ein seltsames Bild vor mein Gesicht. Es glich einer Szene, die mir zwar bekannt vorkam, die jedoch zweifelsfrei in der Zukunft zu liegen schien:
Wir saßen auf den heißen, stark zerschlissenen Kunstledersitzen im Abteil eines Zweiter-Klasse-Waggons, Mutti und ich. Das Dampfross war geisterhaft leer und glitt nahezu geräuschlos über die Schienen. Den gequälten Ausdruck auf meinem Gesicht zu deuten, fiel mir nicht schwer: Allem Anschein nach war mir speiübel. Schuld daran gab ich einer abgestandenen Luft, die über den muffigen Polstern schwebte (ich konnte sie förmlich riechen). Die brachliegenden Felder, die draußen an uns vorüberwehten, glänzten in der reglos brennenden Sonne wie gefrorener, funkelnder Schnee.
Geistesabwesend betrachtete ich die im Mittagslicht brütende, grenzenlose Landschaft, ein absurder Traum, der vorbeiflog, als wollte er von der Geschwindigkeit des Zuges getilgt werden. -
Mutti stieß einen tiefen Seufzer aus und fragte mit seltsam tonloser Stimme: „Hättest du gedacht, dass deine Sommerferien auf diese Weise enden würden, Katja?“ –
Ich gab keine Antwort; ich starrte wortlos aus dem Fenster. – Eine seltsame Sehnsucht, ein wie im Nebel liegender Gedanke, der mit entglitt, bevor ich ihn benennen konnte, hatte mein Herz gepackt und ganz und gar von mir Besitz ergriffen. Das beklemmende Gefühl brodelte in jeder Zelle meines Körpers, als sei es aus dem Tagtraum heraus- und geradewegs in mich hineingeflüchtet. Es brannte wie heftiges Heimweh, schnürte mir die Kehle zu und tat mörderisch weh. Mir wollte absolut nicht in den Sinn, welchen Menschen ich außer Christine so schrecklich vermisste. Ich ahnte dunkel, dass es irgendwer vom Hof oder aus dem Dorf sein musste. Mein Herz fühlte sich an, als presste es jemand mit einer Schraubzwinge zusammen.
Ich erblickte meine eigene Gestalt, die sich in einem antiquierten Bahncoupé an die Ödnis eines braun karierten, brüchigen Polsters schmiegte und teilnahmslos, ohne vermutlich auch nur einen einzigen Halm wahrzunehmen, aus dem Fenster starrte, als säße dort eine Zwillingsschwester, zig Meilen von mir entfernt, von deren Existenz ich nicht das Geringste geahnt hatte, deren Kummer ich jedoch am eigenen Leibe verspürte – jetzt und hier.
Als das düstere Bild aus dem Rahmen glitt, wich zwar der Schmerz, aber ich spürte eine grauenvolle Angst in mir hochsteigen; sie fühlte sich namenlos an und diffus – wie der Strahlenkegel einer Taschenlampe, der sich während einer finsteren Nacht über ein tosendes Meer tastet.
„Katja, wenn du müde bist, solltest du schlafen gehen! Gib wenigstens Acht, dass du nicht vom Stuhl kippst!“, sagte Mutti nach dem Abendessen. Ihre Stimme klang wieder mal ekelhaft ironisch.
Du verkorkster elender Sommer, wütete mein enttäuschtes Herz. Störrisch wie ein Maulesel und mit dem Löwenmut aller Verzweifelten fasste ich einen folgenschweren Entschluss. In einem gütlichen Schnellverfahren (ohne Richter und Schöffen) erteilte ich dem unheilvollen Stern, unter den meine langersehnten Ferien geraten waren, eine saftige Auflage:
Er habe schleunigst für einen unvergesslichen,
(guts-)herrlichen Lachauer Aufenthalt zu sorgen, für einen extrem
spannenden Aufenthalt, der alles, aber auch alles in den Schatten stellte,
was mir je an Abenteuern widerfahren war,
anderenfalls verginge ihm bald das Funkeln. Sollte er nämlich eine Zusammenarbeit mit mir verweigern, brauchte er sich künftig nicht mehr am nächtlichen Himmelsgewölbe blicken zu lassen (lebenslänglicher Donnerwolkenarrest). Der himmlische Vater und die Englein wüssten Bescheid.
Ich beschränkte den Abenteuer-Zeitraum keineswegs auf die schulfreien Wochen, die ich seit Adam und Eva auf dem Gut verbrachte; vielmehr warf ich meine sämtlich verglühten Erdentage in die Waagschale, den gelebten Batzen Zeit, der gelegentlich ins Haus meiner Erinnerung schneit. Es kam überhaupt nicht in Frage, dass ich das mir in Aussicht gestellte unerträgliche Los, zum Sterben langweilige Ferientage verbringen zu müssen, widerspruchslos ertragen würde. Im Gegenteil: Der vor mir liegende Sommer hatte mit Abstand die spannendste Epoche meines Lebens zu werden. Schließlich war ich nicht nach Lachau gefahren, um von früh bis spät gefräßige Hühner zu füttern, rosige Ferkelchen zu knutschen und Muttis nervtötendem Geschnatter über ausgestellte Röcke mit albernen Kellerfalten, die das Knie umspielen (grins!), plissierte Blusen mit Fledermausärmeln (grusel!) und Alpenveilchen in den Farben lila x rosa gesprenkelt zu lauschen. (Demnächst züchtet die „geniale Menschheit“ womöglich Elefanten mit Ziegenbärtchen oder Hühner mit Papageienschnäbel.)
Ich ahnte in meinen kühnsten Träumen nicht, welch unheilvolle Lawine im Begriff war, sich mit vernichtender Kraft über das friedvolle Gut zu wälzen – durchaus nicht vergleichbar mit dem lächerlichen Stein, den ich ins Rollen bringen wollte, und weitaus gefährlicher als dieser. Schuld daran war einzig und allein meine unverwüstlichen Energie, die sich allmählich aus der tiefsten Gruft meines Herzens emporkämpfte, wohin sie sich nach der Verkündung der Schreckensbotschaft durch Tante Agnes feige verkrümelt hatte.
Es kam wie es kommen musste: Noch vor meiner Abreise hatte sich das Leben auf dem ruhigen Anwesen dramatisch verändert. Nichts war mehr so, wie es früher einmal war, früher ... Die Idylle auf Lachau schien für immer zerstört. Jeder im Dorf und auf auf dem verträumten Gutshof, der nicht in den grausamen Mord an Knut Knudsen verwickelt war, glaubte, aus einem tiefen Dornröschenschlaf erwacht zu sein. Allen voran die Gnädigste, wie wir Frau Brandner, unsere charmante Gönnerin, insgeheim nannten. Diesen schwülstigen Titel, der die edle Gesinnung ihrer Herrin zum Ausdruck bringen sollte, hatte Leni ausgebrütet, vermutlich während einer ihrer schlaflosen Nächte. Oma hingegen war der festen Meinung, er stamme aus der Endlosproduktion jener Fortsetzungs-Schmachtfetzen von Hedwig Courths-Mahler. Wo Leni diese romantischen Schmöker wohl versteckt hielt? Die Fächer in ihrem kleinen Bücherschrank teilten sich jedenfalls Dostojewskij, Tolstoi und Thomas Mann. Sie dufteten allesamt herrlich, ähnlich wie ihre dezent gemusterten, von Oma geschneiderten Taftkleider – nach Lavendel uralt. Ich hatte Lenis Bücher längst alle gelesen. Sie zierte sich nicht mit dem Verleihen, und es hatte in den letzten Jahren mehr als genug verregnete Ferientage auf Lachau gegeben, in denen sich der Hof in ein von riesigen Pfützen durchzogenes Schlammgefilde verwandelte, das man nur mit Gummistiefeln erobern konnte.
Damals jedoch, am Tag unserer Ankunft auf Lachau, beim ersten gemeinsamen Abendessen, stahl sich in meine wilde Entschlossenheit nicht der leiseste Zweifel: Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich in späteren Jahren zwar mit Schaudern, jedoch nicht ohne Stolz auf die vor mir liegenden Ferientage, die wie ein Albtraum begonnen hatten und wie ein Albtraum enden sollten, würde zurückblicken können. Kurz und schlicht: Ich nahm mir vor, Hof Lachau die tollkühnsten Wochen seit der Jahrhundertwende zu bescheren. Kostete es, was es wollte! Das war ich Christine schuldig! Von wegen einen einzigen ... haufenweise Briefe wollte ich ihr schreiben – nicht weniger als vierhundert Zeilen täglich – in aller Ausführlichkeit, mit haarsträubenden Geschichten.
Die Clique kam mir gerade recht. Ich würde irgendetwas anstellen müssen, um den Stein ins Rollen zu bringen, irgendwas total Verrücktes! Von wegen „Trauerweide“! Das könnte denen so passen! Er sollte mich kennenlernen, dieser unverschämte Hannes!
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Die Namen sind – bis auf zwei – geändert ... im Übrigen haben die meisten der von mir geschilderten Menschen wenig Ähnlichkeit mit sich selber ... außer vielleicht Leni, Oma, Opa, die Gnädigste, Tante Agnes und meine Person: hier die Katja. Ich habe mich bemüht, den Roman anhand der neuen Rechtschreibung aufs Papier zu bringen und bitte um Nachsicht, falls es mir nicht überall gelungen sein sollte – weil die neue Rechtschreibung für meine Begriffe in mancher Hinsicht nicht nachvollziehbar und lachhaft ist. – Und danke, ihr Lieben, dass ihr mir bis hierher gefolgt seid und offenbar abwarten könnt, bis es wirklich spannend wird, Annelie.