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aller Selbstverständlichkeit der Welt durch den Hintereingang geradewegs ins Haus hinein, um Markus zu suchen. Mir wäre niemals in den Sinn gekommen, dass Bettina sich dermaßen hochmütig aufführen könnte.
Gedankenverloren starrte ich auf die alten Gehöfte, die hier und dort daran erinnern, dass auch Menschen in der kargen Heidelandschaft leben, in aller Ruhe und Abgeschiedenheit, weit entfernt vom Lärm der Städte. Durch die naturgeschützte Landschaft schlängelten sich zahlreiche Wanderwege, und auf der Besenheide, die im raschen Wechsel mit Glockenheide, Getreidefeldern, Wiesen und Moorsiedlungen am Abteilfenster vorüberflog, grasten die putzigen Heidschnucken. Ich stand auf, nahm meine Umhängetasche aus dem Gepäcknetz, und zog das Buch hervor, das ich mir aus der Bücherei geliehen hatte. Der Band hieß „Unterm Rad“, ein Jugendroman von Hermann Hesse. Bald darauf war ich dermaßen intensiv in den spannenden Text versunken, dass ich alles um mich herum vergaß. Erst als die eindringlich klingende Durchsage eines Bahnbeamten durch den Lautsprecher dröhnte und ankündigte, dass wir in wenigen Minuten Lübeck erreichten und sofort Anschluss an einen Personenzug nach Fehmarn hätten, erwachte ich wie aus einem tiefen Traum. Der Schnellzug unterbrach seinen gleichförmigen Rhythmus, verlangsamte die Fahrt, und als er mit lautem Quietschen zum Halten kam und die schrille Pfeife eines Schaffners an mein Ohr drang, klappte ich hastig das Buch zu und stand auf. Muttis Koffer ist wieder mal schwer wie Blei; wir müssen ihn den Gang runterschleppen, dachte ich voller Unruhe, während der Zug über ein Weichengeflecht in den Lübecker Bahnhof rumpelte.
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„Es tut mir ja so leid. Entschuldigen Sie bitte vielmals“, hörte ich meine Mutter im nächsten Moment neben mir stammeln. Puterrot war ihr Gesicht. Aber wo um alles in der Welt war ihr riesiger brauner Lederkoffer hingeraten? Das Gepäcknetz gähnte vor Leere - wie unser Städtisches Schwimmbad im Winter. – Allmächtiger! Das Monstrum war auf dem Schoss des älteren Herrn gelandet, der Mutti seit Lüneburg gegenübersaß. Er starrte uns aus schreckgeweiteten Augen an und schien mit aller Macht gegen den Schmerz zu kämpfen. Mutti und ich verharrten beklommen im Gang – in angemessener Entfernung –, falls die Rache des malträtierten Fahrgasts allzu drastisch ausfallen sollte. – „Aber beruhigen Sie sich doch, beste Frau“, bat der tapfere Mensch nach einigen bangen Sekunden. „Ein einziges Wort von Ihnen, und ich hätte den Koffer aus dem Netz geholt. Er ist ja viel zu schwer für Sie.“ Kunststück, dachte ich. Bei all den vielen Kleidungsstücken und Schuhen, die sie wieder mal eingepackt hat. Ich frage mich nämlich schon seit längerem, wem Mutti mit ihren extravaganten Gewändern imponieren will. Oder plant sie womöglich eine Modenschau? – In den Stallungen? – Für die Lachauer Pferde, Kühe und Schweine? – Da lachen doch die Hühner!
* * *
„Es tut mir ja so leid, Katja“, stammelte auch die gute Tante Agnes. „Stine(!)“ hat sich vor drei Tagen das Sprunggelenk gebrochen; sie ist in der Schule auf dem frisch gebohnerten Korridor ausgerutscht und liegt seit einer Woche im Krankenhaus.“
Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Schreckensnachricht traf mich wie ein Keulenschlag, nein, viel schlimmer: Sie fuhr wie ein gigantischer Blitz mitten durch mein Herz. Ich stellte mir vor, wie die meinen Sommer erdolchende Hiobsbotschaft schadenfroh hinter dem mächtigen Stamm der Eiche neben dem Herrenhaus gelauert hatte, um mich trotz dieser brütenden Hitze eiskalt zu erwischen.
Sekundenlang stand ich da wie vom Donner gerührt! Was war Hof Lachau ohne Christine? Was waren überhaupt die Sommerferien ohne Christine? Am liebsten hätte ich losgeheult. Auf einen derart infamen Schicksalsschlag war ich nicht gefasst gewesen. Mich hatte in dieser Hinsicht nicht die geringste Vorahnung geplagt. Opa sah mich mitfühlend an.
„Wie wäre es, wenn du die Tiere begrüßt? – Oder Leni? Sie hat sich so sehr auf dich gefreut. Aufs Rapsfeld, gleich hinter der großen Scheune, wollte sie.“
Wie praktisch, dachte ich voller Bitterkeit, das ist ja auch gleich ein geeigneter Platz, um meine Ferienträume endgültig zu begraben. Vielen Dank, Herr Hausmeister (oder wer sonst wie ein Verrückter die Schulkorridore zu bohnern pflegt)!
Ohne einen Blick für die Tiere und die blühenden Pflanzen am Wegrand, die ich das ganze Jahr über vermisst hatte, trottete ich den Feldweg entlang, der an den Kuhställen vorbei zum Rapsfeld führt. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben und nicht die Beherrschung zu verlieren: Die Welt war gerade untergegangen, nichts weiter. Ein guter Tag, um ohne Reue zu sterben.
Leni ist Omas beste Freundin und der gute Geist auf Hof Lachau. Ich habe sie wirklich sehr gern. Aber selbst Leni kann Christine nicht ersetzen. Am liebsten wäre ich auf der Stelle nach Hause gefahren. Dort konnte ich mir wenigstens ein paar Bücher ausleihen; unsere Stadtbibliothek blieb ja während der Ferienzeit geöffnet. Außerdem standen die Chancen nicht schlecht, dass Harry mir irgendwo über den Weg lief, beim „Italiener“ oder im Freibad, falls er nicht verreist war. Ich ärgerte mich, dass ich bei unserer letzten Begegnung auf dem Schulhof vor lauter Aufgeregtheit vergaß, ihn danach zu fragen. Vermutlich hatte ich mich wie eine verliebte Gans benommen. Es wäre das reinste Wunder, wenn Harry mir schreiben würde.
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„Ja, wen haben wir denn da? Ein zweibeiniges Exemplar der Gattung Trauerweide, die mitteleuropäische Salix babylonica, wenn mich meine geblendeten Gucker nicht an der Nase rumführen! Und wie ich mit Entzücken feststelle: eher Augen- als Ohrenweide. Oder Konny? – Wohin denn des Wegs, so in sich gekehrt?“ (Wohin wohl, du Vollidiot. Natürlich zur Großmutter, um ihr Kuchen und Wein zu bringen, hätte ich erwidert, wenn mir auch nur annähernd danach gewesen wäre.)
Zwei Jungen und ein Mädchen versperrten mir kichernd den Weg. Den Kopf gesenkt und tief in meine trüben Gedanken versunken, hatte ich sie weder gehört noch kommen sehen. Ich kannte keinen von den drei Spinnern. Sie waren mir niemals zuvor auf Hof Lachau oder im Dorf begegnet. Als hätte ich die Frotzelei des Klugscheißers nicht mitbekommen, schlug ich einen großen Bogen um das Trio. Mir war weiß Gott nicht nach Streiten zumute und noch viel weniger nach Plaudern; ich hätte vor lauter Verzweiflung heulen können. Aber der Wortführer der kleinen Clique sprang blitzschnell vor meine Füße.
„Tja, wenn du in diesem Sommer ein bisschen Spaß haben
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Die Namen sind – bis auf zwei – geändert ... im Übrigen haben die meisten der von mir geschilderten Menschen wenig Ähnlichkeit mit sich selber ... außer vielleicht Leni, Oma, Opa, die Gnädigste, Tante Agnes und meine Person: hier die Katja. Ich habe mich bemüht, den Roman anhand der neuen Rechtschreibung aufs Papier zu bringen und bitte um Nachsicht, falls es mir nicht überall gelungen sein sollte – weil die neue Rechtschreibung für meine Begriffe in mancher Hinsicht nicht nachvollziehbar und lachhaft ist. – Und danke, ihr Lieben, dass ihr mir bis hierher gefolgt seid und offenbar abwarten könnt, bis es wirklich spannend wird, Annelie.