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wir unseren Lotosteich anlegen wollen?“
„Der verschmutzte Tümpel, in dem die Gräser auf dem Grund wachsen und die Klarheit des Wassers verdüstern?“
„Sehr wohl“, sagte Meister Wu. „Geh hinunter und reinige ihn.“
„Aber Meister“, protestierte Yi. „Auch wenn ich ihn reinige, so ist er morgen wieder verschmutzt. Was nützt uns diese Arbeit?“
Meister Wu legte seine Stäbchen beiseite und lächelte seinen Schüler an.
„Löse dich von deinen Vorurteilen.“
Yi senkte den Kopf und nickte. Dann wandte er sich um und ging hinunter zu dem See. Nun war es Li, der dieser Unterhaltung beigewohnt hatte, der das Wort ergriff.
„Verehrter Meister“, sagte er. „Yi hat Recht. Morgen ist der See bereits wieder verschmutzt. Was nützt es da, wenn er ihn heute reinigt?“
Meister Wu sah zu ihm hinüber und lächelte milde.
„Alles beginnt immer wieder von vorne und hat seinen Grund. Es geschieht wie es geschieht und doch steht es uns nicht an, darüber zu urteilen. Und wenn ich es recht bedenke, so könntest auch du dem Lauf der Dinge dienen.“
Da senkte Li den Kopf und sagte:
„Der Lauf der Dinge ist unaufhaltsam. Wie können nicht darüber entscheiden, aber wir können sie unvoreingenommen bewerten. Der See verdreckt im gleichen Maße, egal ob ich ihn reinige oder nicht. So möchte ich den See doch lieber seiner Bestimmung nach dort unten schlummern lassen, als ihn durch meinen Eingriff entehren und er einen Tag benötigt, um den Zustand wieder herzustellen, den er für sich entschieden hat.“
„Wie wahr du gesprochen hast“, sagte Meister Wu und widmete sich wieder seinem Frühstück.
Die Weisheit der Enthaltsamkeit
Eines Tages kam der ehrwürdige Bürgermeister der guten Leute des nahen Dorfes zu Besuch. Er brachte seinen Schreiber mit, um sich selber davon zu überzeugen, welch lieblichen Anblick der Garten des Meister Wu bot, von dem er schon so viel gehört hatte.
Meister Wu rief all seine Schützlinge herbei und sie begrüßten den hohen Besuch auf der Verandatreppe ihrer Schule. Der Bürgermeister war ein gewichtiger Mann. Würdevoll schritt er Meister Wu entgegen, der ehrerbietig seinen Kopf beugte.
„Ihr ehrt uns mit eurem Besuch“, sprach Meister Wu und wie zur Bestätigung nickten seine Schüler dazu.
„Es ist eine Ehre für unser ganzes Dorf, dass solch ein weiser Mann sich in unserer Gegend niederlässt“, entgegnete der Bürgermeister in einer nicht minder tiefen Verbeugung.
„So kommt herein und lasst euch alles zeigen“, bot Meister Wu an und klatschte in die Hände. Dienstbeflissen ließen Pi und Wei herbei. Pi brachte eine Schale mit Wasser und hielt sie dem Bürgermeister entgegen, während Wei ein Handtuch bereithielt. Der Bürgermeister wusch sich die Hände.
„Nun lasst euch das Haus zeigen“, sagte Meister Wu würdevoll und ließ den Bürgermeister zwei Schritte vorangehen.
Sie gingen durch den Wohnraum und den Schlafräumen. Der Bürgermeister inspizierte wohlwollend die Küche und Meister Wu lächelte dabei.
„Das ist alles sehr schön“, sagte der Bürgermeister abschließend und nickte Meister Wu zu.
Der Meister verneigte sich tief.
„Wir freuen uns, dass unser bescheidenes Heim Euch gefällt. Meine Schüler und ich sind stets bestrebt, dass dieses Haus ein Ort der Oase wird. Allein ein Ort ist es, der dieses Tal mit Schande bedeckt. So schaut dort hinüber!“
Meister Wu war zum Fenster getreten und zeigte hinaus auf einen sanften Hügel, der sich hinter dem Teich erhob und malerisch in seinem saftigen Grün lag. Der Bürgermeister sah hinaus und drehte sich dann erstaunt zu dem Gastgeber um.
„Ein lieblicher Hügel“, sagte er. „Doch was meint ihr? Ich sehe nichts weiter als das Grün des Tales, welches euch so wunderbar einbettet.“
„So ist es“, sprach Meister Wu. „Wie gar zu schön wäre es doch, wenn sich dort ein Pavillon erheben würde. Zu Ehren des Dorfes, wie sich versteht.“
Der Bürgermeister rieb sich daraufhin am Kinn.
„Nun, mein lieber Meister Wu, Euer Ansinnen kann ich wohl verstehen, doch braucht es wohl gar zu viel Geld.“
„Bedenkt, in welcher Pracht er sich dort vor dem See entfalten würde. Am Abend, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt, ist dort der Ort der Meditation. Ich weiß gar zu gut, dass ich gerade an diesem Platz meine Schüler noch viel besser in all die Geheimnisse der Weisheit einweisen könnte, im Pavillon des ehrenwerten Bürgermeisters.“
Der Bürgermeister überlegte eine Weile und nickte dann.
„Nun gut, mein lieber Meister Wu, wenn es euch nach diesem Pavillon gar zu sehr verlangt, werde ich sehen, dass sie das Geld dafür bekommen.“
Meister Wu lächelte und verneigte sich tief. Dann führte er den Bürgermeister weiter durch das Haus und als sie den Tee getrunken hatten, verabschiedete sich der hohe Herr des Dorfes wieder. Meister Wu stand mit seinen Schülern vor dem Haus und sah ihm zufrieden nach.
„Meister“, sprach der Schüler Yi. „War es recht von euch, das Geld für einen neuen Pavillon zu erbeten? Haben wir nicht schon alles, was wir benötigen?“
„Das Streben, mein lieber Yi, verlangt es, dass wir stetig versuchen, uns zu verbessern.“
„Aber lehrt uns die Enthaltsamkeit nicht, Verzicht zu üben? Ist es nicht so, dass der Entschluss des Nicht-Besitzen-Wollens die süßeste Frucht der geistigen Disziplin sei?“
„Wie wahr du sprichst, du nimmersatter Schüler“, sagte Meister Wu. „Die Enthaltsamkeit ist das höchste Gut, das wir erlangen können. Doch wie soll ich sie schätzen und üben, wenn ich nicht die andere Seite kenne? Wie kann ich in süßester Pein auf etwas verzichten, was ich nie besessen habe?“
„Die Demut ist es, die uns als Belohnung winkt.“
„Ein gar erstrebenswertes Ziel.“
Die anderen Schüler waren inzwischen aus dem Haus getreten. An diesem Nachmittag hatte Meister Wu ihnen gestattet, hinunter ins Dorf zu gehen und ihre Familien zu besuchen.
„Bist du bereit?“ fragte Sao Yi und als dieser sich umwandte sprach Meister Wu:
„Mein lieber Yi, die Vorratskammer ist arg in Unordnung geraten. Ich bitte dich, sie heute Nachmittag aufzuräumen.“
„Aber Meister“, sprach Yi. „Ich beabsichtigte, mit meinem Freunden hinunter ins Dorf zu gehen und meine Familie zu besuchen. Die Vorratskammer kann ich morgen auch aufräumen.“
„Mein lieber Schüler“, sagte Meister Wu daraufhin würdevoll. „Ich kann dein Verlangen verstehen und die Freude, die dich übermannt. Doch ist es gerade der Verzicht auf diese Freude, die süßeste Frucht der Demut, die ich dir gestatte, heute zu erlangen. Ich beneide dich gar darum. Du weißt, vorauf du verzichtest.“
Yi senkte den Kopf und trottete ins