Die zehn Weisheiten des Meister Wu - Page 3

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von Magnus Gosdek

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kaum aushalten konnte. Kaum hatte er sich gesetzt, so richtete er das Wort an Meister Wu.
„Meister“, sagte er und sah ängstlich zu dem Entspannten hinüber, „an manchen Tagen fällt mir das Meditieren gar zu schwer. Ich sehne mich dann nach meiner Lagerstatt zurück. Dabei wird mir das Herz so schwer, denn ich weiß, dass ich gefehlt habe. Bin ich kein guter Schüler?“
Langsam hob Meister Wu die Augenlider und trat zurück in die irdische Welt. Er wandte dem Eleven seinen lächelnden Blick zu.
„Mein lieber Ping, das ist mir erklärlich. Die Last des Tages drückt schwer auf dich. So gräm dich nicht darüber. Genieße den Augenblick und wenn du ihn auch nicht in Meditation beschließen kannst, so folgt alsbald ein neuer Tag, an dem du mit doppelter Freude alles nachholen kannst, das du versäumtest. So laufe nur und komme morgen wieder gereinigt zu mir.“
Ping lächelte daraufhin dankbar und sprang auf. Meister Wu nickte ihm wohlwollend zu. Dann wandte er den Kopf ab und schloss erneut die Augen, um sich in seinen tiefen Bedenken zu versenken. Er hörte die eiligen Schritte, mit denen Ping hinauslief und war zufrieden.
„Aber Meister“, warf Yi daraufhin ein, der immer noch neben ihm saß, „heißt es nicht, dass der Wille ohne Entschlossenheit nur ein Klotz am Bein ist? Ist es dann nicht unsere Pflicht, zu meditieren, auch wenn es uns schwer fällt?“
„Nur, wenn wir es so empfinden, mein junger Schüler“, entgegnete der Lehrer milde.
Doch Yi war lernbegierig auf seinem Weg zur Erleuchtung und so sprach er weiter.
„Disziplin ist es, die uns entschlossen handeln lässt. In den Schriften steht, dass man das Schwert nur ziehen soll, wenn man bereit zu töten ist.“
Meister Wu nickte traurig mit dem Kopf, während er sich weiter auf den Pfad des Friedens leiten ließ.
„Ist das Leben gar zu niedrig einzuschätzen, dass wir es nicht auch morgen beenden können?“ entgegnete er seinem Eleven.
„Wir sollen Dinge ganz tun oder lassen. Die Trägheit schwächt die Entschlossenheit“, sprach Yi ein wenig stolz, bereits so viel über die Weisheit gelernt zu haben.
Meister Wu öffnete die Augen und sah milde zu seinem Schüler hinüber.
„Wie wahr du sprichst, mein lieber Yi“, sagte der Meister daraufhin. „Wenn wir Dinge halb nur tun, nehmen sie uns die Kraft, welche wir so nötig haben. Darum sollen wir bedenken, was wir tun und das dann vollständig.“
„Warum ließet ihr Ping dann gehen?“ fragte Yi.
Meister Wu lächelte, dass seine Augen im sanften Schein der Lampe leuchteten.
„Er hätte heute nicht meditiert, morgen aber wird er dafür doppelt bereit sein.“
„…oder weniger Lust als heute verspüren“, warf Yi ein.
„Wer sind wir, dass wir urteilen dürfen?“ fragte Meister Wu. „Doch hast du Recht, mein guter Yi, nur Entschlossenheit führt zur Erkenntnis. Hast du die Küche heute schon besucht?“
„Dorthin gehe ich nie“, entgegnete Yi, verwundert über diesen Gedanken des Meisters.
„Wie schade“, bemerkte Meister Wu daraufhin. „Du hättest sicher gesehen, dass die Balken des Daches bereits beginnen, zu verrotten. Sie stützen unser Haus. Geh und tausche sie aus.“
„Aber Meister“, rief da Yi, „das ist eine Arbeit für zwei Männer und sie dauert mehrere Tage.“
„Ein Grund mehr, sofort damit zu beginnen. Wie du bereits sagtest, schwächt die Trägheit die Entschlossenheit. Und wenn du mit dem Austausch begonnen hast, so beende die Arbeit.“
Der Schüler Yi sah ein, dass er gegen seinen Meister nichts erwidern konnte und erhob sich zögernd.
„Sei gewiss, du befindest dich bereits auf halben Weg zur Erkenntnis“, sagte Meister Wu und nickte ihm zu. Dann schloss er wieder die Augen. Er war gar zu müde und dass die beiden Schüler ihn dabei gestört hatten, als er gerade im Begriff stand, sanft zu entschlummern, war nur gar zu ärgerlich.

Die Weisheit der Menschlichkeit

Jeden Morgen kam ein Bauer aus dem Dorf herüber und brachte eine Kanne Milch vorbei. Er hatte sie auf eine zweirädrige Karre gestellt, die er selber den langen Weg zur Schule des Weisen zog. Schon früh am Tage, wenn die Sonne gerade begann, das Tal in goldene Strahlen zu tauchen, erreichte er das Haus.
Zumeist saß Meister Wu vor dem Eingang und meditierte sich in den Tag hinein, wenn der Bauer seinen Holzkarren vor der Tür hielt und sich den Schweiß von der Stirn wischte. Daraufhin hob er die Milchkanne herunter und stellte sie vor dem Weisen auf den Boden.
„Lasst es euch wohl schmecken“, sagte der Bauer zu Meister Wu und er dankte ihm demütig. Sobald sich der Spender jedoch auf seinen Weg ins Dorf zurück machte, rief der Meister seinen Schüler Ping herbei.
„Mein lieber Ping“, sprach der Meister und deutete dabei auf die Kanne. „Nimm diese Milch und gehe damit ins übernächste Dorf. Dort verkaufst du sie und kommst zurück.“
Ping übernahm die Kanne und machte sich mit dem schweren Ballast auf in das übernächste Dorf. Des Nachmittags kam er mit ein paar Münzen zurück und überreichte sie dem Meister, der sie wohlgefällig entgegennahm und in seine Schatulle steckte.
Eines Tages kam Yi zu dem Meister. Er hatte das Schauspiel täglich beobachtet und beklagte sich nun bitterlich darüber.
„Mein wohlverehrter Meister, das ist nicht recht. Jeden Morgen bringt uns der Bauer die Milch, damit wir uns an ihr laben mögen. Wenn wir sie nicht trinken, so könnte er sie auch dem nächsten Markt verkaufen.“
Meister Wu lächelte seinen Schüler an, während er sich zu seinem wohlverdienten Frühstück niederließ.
„Mein lieber Yi“, sagte er, „wie wohl du gesprochen hast. In dir wohnt die Weisheit des Universums. Doch sollen wir dem Bauern Leid zufügen, indem wir seine Gabe ablehnen?“
„Der Bauer ist so arm“, sprach Yi unverdrossen. „Er könnte die Milch selber verkaufen und ein paar Münzen verdienen.“
„Was bedeutet schon Geld? Ich gebe ihm viel mehr. Eine gute Seele. Er ist stolz darauf, uns seine Milch zu bringen. Ich ehre ihn, indem ich sie ihrer Bestimmung übergebe. Alles hat seinen Grund und ich handele zu unserem Besten.“
„Aber Meister, heißt es in den Schriften nicht auch, dass man sich von den übernommenen Meinungen lösen und selber prüfen sollte? Sind es nicht die Vorurteile, die Waffen in der Hand des Gegners schaffen?“
„Wie wahr du gesprochen hast, mein lieber Yi. Du kennst den See dort unten in der Senke, auf dem

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