Die zehn Weisheiten des Meister Wu - Page 7

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von Magnus Gosdek

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entschlossen mit dem Finger in die Luft, als wäre er ein stählernes Schwert.
„Mein lieber Sao“, begann er. „Das Zaudern ist ein Gift, das deine Sinne lähmt. Es schleicht durch deine Glieder und macht dich schwach. Durchtrenne dieses teuflische Band und handle schnell. Das Überraschungsmoment ist somit immer auf deiner Seite und damit wirst du den Sieg erringen.“
Der Schüler Sao verneigte sich wieder tief bis fast auf den Boden und sprach:
„Ich werde es beherzigen. Vielen Dank für diesen weisen Rat.“
Meister Wu neigte leicht den Kopf.
„Es ist mir eine Freude, dass ich dich auf deinem Weg begleiten darf.“
Yi, der am Ende der linken Reihe saß, dachte eine Weile still nach. Dann aber neigte er ebenfalls tief den Kopf und sprach mit leiser Stimme:
„Verzeiht, mein Meister. Heißt es nicht, dass man jemanden zu Fehlern provoziert, wenn man ihn zur Schnelligkeit verleitet? Gibt es nicht die Geschichte des Weisen, der auf die Frage, wie man einen Stein glatt schleifen kann, antwortete: Leg den Stein in einen Bach und komme in fünfzig Jahren wieder. Dann könnte er geschliffen sein.“
„So glaubst du, wir sollten es den Steinen gleichtun, mein lieber Yi?“ fragte Meister Wu.
„Es heißt, es ist besser, nichts zu tun, als nichts zu schaffen.“
Woraufhin Yi sich wieder so tief es ging verneigte. Meister Wu sah es wohlwollend.
„Wie wahr du gesprochen hast, mein lieber Yi“, sagte er. „Die Welt ist ein Strom und über das Ziel hinaus zu schießen ist ebenso schlimm, wie das Ziel nicht zu erreichen.“
Gerade in diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu dem Raum und ein Diener eilte dringlich herein. Atemlos kam er vor Meister Wu zum Stehen und verneigte sich so tief es ihm seine schmerzende Lunge erlaubte. Dann aber richtete er sich schnell wieder auf und zeigte mit der Hand zur Tür hinüber.
„Meister, es heißt, in den Bergen habe man einen Yeti gesehen. Die Fußabdrücke sind ganz frisch und wenn wir uns beeilen, so können wir ihn vielleicht zu Gesicht bekommen.“
Meister Wu sprang unvermittelt auf und rief:
„So lasst uns aufbrechen, vielleicht sehen wir ihn leibhaftig, wenn es auch unwahrscheinlich ist.“
Auch die Schüler sprangen auf und eilten, sich ihre dicken, warmen Jacken aus den Kammern zu klauben. Auch Yi war aufgesprungen, der Meister aber rief ihn zurück.
„Du, mein lieber Yi, kannst inzwischen hier Ordnung schaffen“, sagte er.
Yi verneigte sich, doch nur ein wenig.
„Aber Meister, auch ich möchte den Yeti gerne sehen“, sagte er und verneigte sich noch einmal.
Meister Wu lächelte und legte mitfühlend die Hand auf die Schulter des Schülers.
„Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass wir ihm begegnen. Ist es nicht besser, nichts zu tun, als mit viel Mühe nichts zu schaffen? Du, der du die Weisheit bereits verinnerlicht hast, wirst sicherlich in Frieden hier auf uns warten, während wir in der Eile unseren eigenen Träumen hinterherlaufen.“
In diesem Augenblick brachte der Diener Meister Wus Jacke. Er zog sie über und durchschritt den Raum. Teng, Sao, Ping, Wei, Tia und Li warteten am Tor bereits auf ihn. Der Diener kam hinterdrein gelaufen und öffnete die Pforte. Die Gruppe schritt durch das Tor und machte sich auf die Suche nach dem Yeti.

Die Weisheit des Nachgebens

An einem schönen Frühlingsmorgen ging Meister Wu mit seinen Schülern spazieren. Der Tag war lieblich und klar, dass es eine Lust war, durch das Tal zu schlendern. So kamen sie an einen Fluss, über den eine schmale Brücke führte. Meister Wu, der zuvorderst der kleinen Gruppe ging, betrat den Stieg gemessenen Schrittes gerade in dem Augenblick, als von der anderen Seite eine Kutsche auf die Balken fuhr. Meister Wu aber ließ sich nicht beirren, bis er die Mitte der Brücke erreicht hatte und auch die Kutsche zum Stehen kam.
„Heda“, rief der Kutscher und schwang seine Peitsche. „Macht Platz für den edlen Pei!“
Meister Wu verschränkte seine Arme unter seinem mächtigen Umhang und sah den anderen gemessen an.
„So ist die Forderung gleich meiner“, sprach er hoch erhobenen Hauptes. „Wir befinden uns auf einer erquicklichen Wanderung, dass sich unser Geist öffne. Stört die Betrachtungen nicht mit eurer Kutsche, sondern fahrt zurück, damit wir die Brücke überqueren können!“
„So kommt ihr mir?“ rief der Kutscher zornig und ließ erneut seine Peitsche knallen. „Bedenkt, dass es meinen Pferden ein Leichtes ist, durch euch hindurchzupreschen. Gleichwohl, wenn ihr auch im Fluss landen möget.“
„Und ihr“, entgegnete Meister Wu nun gleichsam mit wütendem Groll, „möget wissen, dass wir viel mehr als ihr seid. Wir gehen in Frieden, so macht den Weg frei!“
„Mein werter Meister“, begann der Kutscher nun, „ich sehe wohl, dass ihr ein weiser Herr seid. Euch ist es einfach und ein nichts, euch umzuwenden und der Kutsche den Weg freizumachen.“
„So mag es sein“, nickte Meister Wu. „Doch sagt mir, warum wir dies tun sollten, betraten wir doch als Erste die Brücke.“
Nun beugte sich eine schmale Gestalt aus dem Inneren der Kutsche heraus und blickte hinüber zu Meister Wu. Der dünne Bart des Mannes zitterte vor Zorn und er rief:
„So zollt Respekt dem edlen Pei. Ich habe keine Zeit für dies Geplänkel. Gebt den Weg nun frei!“
Meister Wu verneigte sich tief vor dem Anblick des Fahrgastes und erhob sich gemessen.
„Mein lieber Pei, ich fürchte, ihr verkennt die Lage. Ich bin es, der zu fordern hat. Was gilt ein irdisches Dasein gegenüber der Erleuchtung? So gebt Befehl, die Kutsche zurückfahren zu lassen, dass wir unseren Spaziergang ungehindert weiterführen können!“
Es mochte noch eine Weile so weitergehen, ohne dass eine der Parteien nachgab und wahrscheinlich hätte die Sonne darüber ihren Lauf vollenden können, wäre nicht Yi, der nachdenklich Schüler, an seinen Meister herangetreten.
„Mein lieber Meister“, sprach er. „Die Lage ist nun gar verzwickt. Ist es nicht besser nachzugeben?“
„So meinst du, dieser edle Pei habe recht mit seinem Ansinnen?“
Yi verneigte sich tief vor der Frage des Meisters.
„Nicht recht, doch ist er mächtig in seiner Kutsche. Er mag uns alle von der Brücke fegen. Heißt es nicht in den Lehren: Wenn du deinen Gegner nicht besiegen kannst, musst du ihn umarmen?“
„Dass dieser unverschämte Gesell darüber lacht, wie wir ihm weichen mussten?“ entgegnete Meister Wu zornig.
„Zorn ist der Wind, der das Licht der Vernunft ausbläst, so steht es geschrieben. Wir wollen mit heiterem Gemüt unseren Weg fortsetzen und den Weg zur Erleuchtung beschreiten. Dies ist das erhabene Ziel.“
„Wie können wir heiteren Gemütes spazieren, wenn wir auf dieser Brücke so beleidigt wurden, sage mir das, lieber, wissender Yi!“ sagte Meister Wu, aber er beruhigte sich ein wenig und lächelte, während sein Schüler entgegnete:
„Nicht der Kampf ist, sondern der Sieg ist unserer Aufmerksamkeit gewidmet. Es ist nicht zu beweisen, dass wir mutig sind, nur der eigene Vorteil sei bedacht. Der edle Pei mag auf der Brücke fahren, doch wir erlangen die Macht der Erleuchtung, die ihm niemals zuteil wird. Das Weiche besiegt das Harte.“
Meister Wu sann eine Weile über die Worte nach, während der edle Pei und sein Kutscher weiter schimpften, ohne einen Zoll zurückzuweichen.
Schließlich hob Meister Wu seinen Kopf und sein Gesicht zeigte Milde.
„Wie wahr du redest, lieber Yi. So gehe zurück ans Ufer und baue ein Floß, damit wir trockenen Fußes über den Fluss setzen können.“
„Aber Meister, wenn wir zurückweichen und die Kutsche die Brücke überquert, so können wir ungehindert über sie auf die andere Seite gelangen.“
„So würde es geschehen, doch mag es dem edlen Pei eine Lehre sein, wenn wir nicht die Brücke benutzen, die er uns nahm. Wir werden ihm zeigen, dass die Erleuchtung viele Pfade besitzt.“
„Mein lieber Meister“, sprach Yi, „es dauert Stunden, bis ich das Floß gebaut haben werde.“
„So lass dir von den anderen helfen“, sprach Meister Wu, „und beginne gleich mit deiner Arbeit.“
„Ich verstehe nicht den Sinn, mein lieber Meister“, wagte Yi zu erwidern.
„So grüble nicht darüber nach. Wenn du den Gegner nicht besiegen kannst, so musst du ihn umarmen. Eile nun, ich werde auf dich warten.“
Der Schüler Yi verneigte sich tief und eilte mit den anderen von der Brücke, um das Floß zu bauen. Meister Wu aber lud den edlen Pei ein, aus der Kutsche zu steigen, dass sie sich gemeinsam ausruhen und ein wenig plaudern mochten, bis das Floss fertig sei und sie alle ihren Weg fortsetzen konnten.

Die Weisheit der Selbsterkenntnis

So zogen die Jahre ins Land und während all dieser Zeit wuchs das Ansehen des Meisters Wu im Tal stetig weiter. Längst hatten Teng, Sao, Ping, Wei, Tia und Li die Schule verlassen und waren wieder zu ihren Familien zurückgekehrt. Die Edlen des Dorfes aber brachten neue Söhne zu dem Haus, das an dem lieblichen Bach schlummerte und den Tag vor sich hin träumte. Die jungen Männer nährten sich an der Weisheit des Meisters Wu, der nicht müde wurde, sie bei ihrem Weg in die Einsicht zu begleiten. Yi aber, der wissbegierigste Eleve, blieb in der Schule und half seinem Meister, als er steinalt geworden war. Dann kam der Tag, an dem Meister Wu sich auf das Lager legte und nicht mehr aufstehen konnte.
Durch das Fenster sah er hinaus auf die grüne Wiese und den Pavillon, der einst vom Bürgermeister des nahen Dorfes gespendet wurde. Er erinnerte sich an all die schönen Tage, die er dort verbringen durfte und träumte sich auf das letzte Stück seines Weges.
Yi kam jeden Tag an seine Lagerstatt und verbrachte Stunden tiefen Friedens mit seinem Meister, der ihm so viele Fragen beantwortet hatte. Und doch brannte es dem Mann auf der Seele. Er sah das Universum in seiner Pracht, freilich verstand er die Zusammenhänge nicht. So fragte er seinen matten Meister eines Tages:
„Meister, euer Weg erfüllt sich bald, dass ich mich nicht mehr an eurem Wissen nähren kann. Bitte sagt mir noch, warum ihr all dies tatet, was in den Weisheiten gerade anders steht und mich in tiefes Bedenken stürzte.“
Meister Wu lächelte noch einmal in der Erinnerung an all die Lehren, die Yi in den Jahren erfahren hatte.
„Wer andere besiegen will, muss sich erst selbst besiegen“, flüsterte er seinem einstigen Eleven zu.
„Doch Meister“, sprach Yi zweifelnd als er dies vernahm, „gerade ihr lebtet nicht nach all den Lehren, die ihr verbreitet habt. Wie soll der Glaube der Erkenntnis die Schüler durchströmen, wenn das Vorbild es selbst nicht vermag?“
„Mein lieber Yi“, sprach Meister Wu, dem es schwer geworden war, längere Zeit zu reden. „Was nützt die weiseste Rede, wenn der Geist ihm nicht zu folgen vermag. Erkenntnis liegt in unser Selbst. Der Gegner bezieht seine Macht durch uns, die wir nicht anzunehmen bereit sind, dass er uns nicht so sieht, wie wir es möchten.“
„Mein lieber Meister“, sagte Yi und beugte sich vor Wissbegierde weiter vor, wie er es früher bereits immer getan hatte, „sind all die Lehren unnütz, deren Regeln wir zu befolgen trachten? Ist all dies eine Illusion?“
Da richtete sich Meister Wu auf und sah seinem ehemaligen Schüler ernsthaft ins Gesicht.
„Diese Frage musst du dir selbst beantworten, mein guter Schüler. Es ist das, wie du es siehst. Alles, was du bist und was du wirst, liegt in dir selbst. Darum verleugne nicht das Leben und auch nicht dich.“
Der Atem des alten Meisters wurde matter und er ließ sich in die Kissen zurück sinken. Yi legte ihm die Hand auf den Arm und spürte, dass Meister Wu sich für seine Reise bereit machte.
„So sage mir, mein Meister, wie finde ich Erleuchtung?“
Sein Lehrer schloss die Augen und atmete tief ein. Er roch den Duft der Sträucher, welcher durch das geöffnete Fenster hereindrang. Das Gezwitscher der Vögel klang lieblich in seinem Ohr und fast war es ihm, als könne er die erquickende Kühle des Baches bis zu seinem Lager hin riechen.
Er lächelte zufrieden.
„Oh Meister“, rief Yi, der bemerkte, wie der Lehrer ihm entglitt. „wie erlange ich die wahre Weisheit?“
Noch einmal füllte Meister Wu die Lungen und leise, fast so, dass Yi es nicht mehr vernehmen konnte, hauchte er:
„Wer die Menschen kennt, ist weise. Wer sich selber kennt, erleuchtet.“
Dann schlief er ein.

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