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unmissverständlich zu verstehen, dass ich ihm folgen solle. Seine Leine schleifte am Boden und hinterließ abstrakte Kompositionen: durchgehende und gebrochene Kurven und Bögen, ohne Willkür in den staubigen Sand geschürft.
„Lieb, dass du mich abholst, Tom, alter Junge“, begrüsste ich ihn und versuchte, Hannes' Tonfall nachzuahmen. „Aber deshalb darfst du doch nicht einfach ausreißen. Weißt du was, wir gehen jetzt gemeinsam zu Tante Selma. Und falls sie dich der Flucht verdächtigen sollte, sagen wir einfach, dass du Sehnsucht nach mir hattest."
Es hatte den Anschein, als würde Tom trotz aller Aufgeregtheit, die er an den Tag legte, nicken, liebe Christine, und nachdem ich ihn an die Leine genommen hatte, legte er ein dermaßen hohes Tempo vor, dass ich stolperte und beinahe hingeknallt wäre. Ich sauste also hinter Tom her, der wie ein wildgewordener Handfeger den Graspfad entlangpreschte.
Die Eingangstür von Tante Selmas Haus, um deren äußere Holzfassung sich eine tiefrote Kletterrose schlängelte, stand weit geöffnet und wirkte auf mich wie eine stumme Einladung. Wir erklommen die Stufen, Tom und ich, und Tom bellte wieder wie verrückt und ließ sich nicht beruhigen.
„Tante Selma, Konny, Kora, wo seid ihr?“, rief ich laut und betrat den Flur. Tom schlug sofort den Weg zur Küche ein. Mir war, als stöhnte jemand vor Schmerzen, eine Sinnestäuschung, wie sich später herausstellte, liebe Christine, und als ich über die Schwelle der Küche trat, sah ich Tante Selma auf den grauen Fliesen liegen. Sie blutete aus einer Wunde am Hinterkopf und schien bewusstlos zu sein. Ich lief sofort ins Wohnzimmer und wählte die Nummer der Polizei, weil ich nicht wusste, ob sich ärztliche Hilfe sich in der Nähe befand.
„Kommen Sie bitte, schnell zu ... oh, Gott ...“, begann ich und musste peinlicherweise feststellen, dass ich Tante Selmas Nachnamen nicht kannte. Er stand mit hundertprozentiger Sicherheit auf dem Klingelschild am Haus, aber ich hatte mich bei meinen Besuchen nie dafür interessiert und auch nie klingeln müssen, weil entweder die Haustür geöffnet stand oder Hannes, der einen Schlüssel besaß, mich begleitete. Tante Selma war gewiss irgendwann einmal verheiratet gewesen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie immer noch Kröger hieß. „... äh, zu Tante Selma“, fuhr ich aufgeregt fort, „der Schwester des Gutsverwalters Axel Kröger auf Hof Lachau. Das Opfer liegt schwer verletzt am Küchenboden und die Haustür stand offen.“
„Lassen Sie bitte alles so, wie Sie es vorgefunden haben ... Nichts anrühren, hören Sie? Wir kommen sofort“, sagte der Beamte, und keine zehn Minuten später hörte ich bereits die Polizeisirene. Der Streifenwagen bremste mit quietschenden Reifen vor dem Haus und zwei Polizisten stiegen aus. Einer von ihnen öffnete die hintere Wagentür und half einer älteren Dame im weißen Kittel beim Aussteigen. Sie haben eine Ärztin mitgebracht, dachte ich und atmete erleichtert auf.
Nach dem Anruf hatte ich mich neben Tante Selma gekniet und mehrmals ihren Namen gerufen. Sie atmete, liebe Christine, schwach zwar, aber sie atmete. Ich vermutete, dass sie ohnmächtig geworden war. Die Ärztin untersuchte Tante Selma und stellte, nachdem sich bei den Gedanken an Kora und Konny Tausende von Schweißperlen auf meiner Stirn versammelt hatten, eine Gehirnerschütterung mittleren Grades fest, verursacht durch einen heftigen Schlag auf dem Hinterkopf. Als Tatwaffe habe ein schwerer, stumpfer Gegenstand herhalten müssen.
Der Krankenwagen fuhr vor, und Tante Selma wurde auf einer Trage aus dem Haus transportiert. Die beiden Polizisten suchten nach Indizien, während ich mich mit Tom im Wohnzimmer aufhielt und durch die geöffnete Tür den Tatort im Auge behielt. Einer der Männer hantierte mit Pinsel und Pulver, wahrscheinlich um Fingerabdrücke zu sichern, der andere fotografierte die grauen, blutbefleckten Fliesen in der Küche.
Fingerspuren müssten hier massenhaft herumschwirren, dachte ich. Was für eine Sisyphusarbeit! Tante Selma ist ja ein sehr geselliger Mensch, liebe Christine. Sie empfängt laufend Besuch. Es hatte eines erheblichen Kraftaufwands meinerseits bedurft, Tom daran zu hindern, in den Krankenwagen zu Tante Selma zu springen. Jetzt saß er aufrecht und wachsam neben dem Sessel, darin ich wie versteinert kauerte und auf Kora und Konny wartete.
„Wir hätten da noch ein paar Fragen an Sie, bevor wir uns auf den Rückweg ins Revier machen“, sagte der jüngere der beiden Beamten. Er stand im Türrahmen und sah zu mir und Tom hinüber, der unruhig wirkte und leise zu knurren begann.
„Nur zu“, sagte ich und strich dem Tier besänftigend über das gesträubte Fell.
„Sie heißen Katja Kleve und sind die Enkelin von Anita und Edmund Franzen, die auf Gut Lachau leben“, stellte er sachlich fest. Ich nickte zustimmend.
„Wissen Sie, wo sich Frau Gehrickes Kinder momentan aufhalten?“
„Wen meinen Sie mit Frau Gehricke?“, fragte ich erstaunt.
„Frau Selma Gehricke“, ergänzte der Beamte lächelnd seine und meine Frage.
„Ach so, Tante Selma“, rief ich erleichtert aus. „Na klar! – Kora und Konny? Nein, ich warte auch bereits ganz ungeduldig auf die beiden.“
„Die Haustüre stand also offen?“, fragte er gedankenvoll.
„Sperrangelweit“, gab ich zur Antwort, „und er“, ich deutete auf Tom, „kam mir auf dem Hof entgegengerannt, mit am Boden schleifender Leine. Er hätte mich beinahe umgeworfen.“
„Das ist allerdings hochinteressant.“ Der zweite Beamte war in den Flur und über die Türschwelle getreten. Er sah um einiges älter aus als sein Kollege, sehr groß und gertenschlank.
„Das könnte nämlich bedeuten, dass Frau Gehricke, kurz bevor der Täter zugeschlagen hat, aus dem Haus gehen wollte.“
„Oder Tom war gerade mit Kora und Konnny unterwegs und ist ausgerissen. Er macht öfters solche Sachen“, sagte ich und kraulte Toms Nacken.
„Na, ja, irgendwann werden die beiden gewiss zurückkommen. Sie haben also auch keine Ahnung, wo sie sein könnten?!“ Seine Frage klang wie eine Feststellung.
Ich schüttelte den Kopf: „Keinen blassen Schimmer, leider.“
„Waren die Zimmer durchwühlt? Ist Ihnen sonst noch etwas Besonderes aufgefallen, Fräulein Kleve?“
„Nicht die Spur“, gab ich ein wenig ratlos zur Antwort.
„Nun ja, wir werden die Sache gewiss aufklären. Jeder Kontakt hinterläßt Spuren, sind sie auch noch so unscheinbar. Richten Sie den Kindern von Frau Gehricke bitte aus, dass sie sich auf der Wache in Beckum melden sollen. Vielleicht können sie uns ein paar brauchbare Hinweise geben. Vor allen Dingen sollten Ihre Freunde