Gefährlicher Sommer (1.Teil) - Page 3

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von Annelie Kelch

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und Besonnenheit ihrer Arbeit nachgingen. Nur „Macheath“, wie Katja mir Hannes in unserem letzten gemeinsamen Sommer vorstellte, ließ sich nicht teilen. Aber Katja hatte ihr ungezähmtes Herz längst an einen anderen verloren, obgleich sie sich dessen vermutlich noch gar nicht bewusst war und es aller Wahrscheinlichkeit nach heftig abgestritten hätte.
Als Hannes Anfang letzten Jahres durch einen Infarkt aus dem Leben gerissen wurde, war ich am Boden zerstört. Er war erst neunundfünfzig, und ungeachtet seiner schleichenden Herzkrankheit, die er mir gegenüber stets verharmloste, wollten wir noch viele ferne Länder kennen lernen und etliches gemeinsam erleben.
Für jenen damals sehnsüchtig von uns erwarteten letzten Sommer hatten wir uns vorgenommen, durch Schweden zu wandern und waren voller Vorfreude gewesen. Monatelang erlebte ich mich als Gefangene in einem Kerker aus Trauer und Schmerz und spürte nicht den winzigsten Hoffnungsschimmer, ihn jemals wieder verlassen zu können. Mir war zumute, als hätte ich nicht nur Hannes, sondern auch Katja auf immer und ewig verloren.
Erst jetzt, ein Jahr nach Hannes' Tod, geht es mir endlich besser.
Sina hatte mir nahe gelegt, eine Trauergruppe aufzusuchen. In diesen meist kirchlichen Einrichtungen fänden Hinterbliebene, die sich ihrem unermesslichen Seelenschmerz machtlos ausgeliefert fühlten, Trost und Zuspruch. Ich brauchte nicht lange zu suchen: Die psychologisch geschulte junge Pastorin, die unserer Kirchengemeinde vorstand, bot Seminare an, die sich mit Trauerarbeit befassten. „Gemeinsam zurück auf den Weg ins Leben“ hieß das zuversichtliche Motto.

Wenn ich mir allzu einsam und verlassen vorkam, ein Zustand, der mich häufig am späten Abend heimsuchte, holte ich Katjas Briefe hervor; aber trotz aller Begeisterung, die mich bei der Lektüre packte, wurde mir jedes Mal zumute, als sperrte mich der Blick in die Vergangenheit erneut in einen Käfig voller Trübsal und Verzweiflung. Besonders elend fühlte ich mich in jenen Momenten, in denen mir bewusst wurde, dass ich Hannes während unserer Ehe nicht die geringste Chance gab, seinen Vater und Katja wiederzusehen. Im Gegenteil: Ich hatte alles vermieden und von ihm ferngehalten, was die Erinnerung an die beiden hätte aufleben lassen. Nur zu seinem Besten, wie ich mir beharrlich einzureden versuchte. In Wahrheit jedoch war ich immer noch eifersüchtig – ausgerechnet auf Katja, meine Verbündete aus fernen Sommertagen, mit der ich stundenlang herumalbern konnte. Ich fand in all den Jahren, die seither vergangen sind, nie wieder eine Freundin, mit der ich ähnlich ausgelassen sein konnte wie damals mit ihr, und einige unserer engsten Bekannten mokierten sich zuweilen über meine Ernsthaftigkeit in allen Dingen. Sogar Hannes ließ öfters verlauten, ich könne weiß Gott fröhlicher sein; wir hätten doch schließlich alles erreicht, was wir uns gewünscht hatten.
Erst einige Monate nach Hannes' Tod ist mir klar geworden, wie sehr mich das Zerwürfnis zwischen ihm und seinem Vater belastet hat. Im Unterbewusstsein litt ich vermutlich weitaus heftiger darunter als Hannes, der Axel und Katja seit jenem Sommer mit keiner Silbe mehr erwähnte – als ob beide für ihn gestorben seien. Nur ein einziges Mal während unserer Ehe, etliche Jahre nach der Hochzeit, schnitt ich jenes Thema an, das für Hannes tabu zu sein schien. Selbstverständlich gab es dafür einen Grund: Während eines Schaufensterbummels in der Lübecker Altstadt begegnete mir zufällig seine Cousine Kora. Wir waren aneinander vorübergeschlendert, keineswegs achtlos, eher etwas zöger­lich, wie ich mich im Nachhinein zu erinnern glaubte. Schon von weitem war mir ihre aparte Erscheinung ins Auge gefallen, die große, schlanke Gestalt, das auf die Schul­tern fallende, hellblonde Haar ...; aber mit dem Mädchen aus der Dorfclique jener Ferientage ver­knüpfte ich bei ihrem Anblick nicht den geringsten Gedanken. Im Gegen­satz zu Katja hatte ich in jenem letzten Sommer ja auch kaum Kontakt mit Kora.

„Täusche ich mich oder sind Sie Christine Lakoda aus Bremen?“, fragte die nicht mehr ganz junge, hübsche Frau, die mit einer flüchtigen Geste meinen Arm berührt hatte und mich freundlich am Weitergehen hindern wollte. „Wie wäre es mit Christine Krö­ger?“, schlug ich lächelnd vor. – „Nein!“, rief Kora völlig überrascht, „du hast tatsäch­lich unseren Hannes geheiratet! Ich glaub es einfach nicht! – Ach, was war das damals bloß für ein elender Schlamassel! Dass wir uns alle aber auch der­maßen kabbeln mussten!“ – Während sie sich nach Hannes erkundigte, strahlte sie mich aus un­verändert veilchenblauen Augen begeistert an.
„Sag, wie geht es meinem unver­schämten Vetter? Du wirst es nicht für möglich halten, aber Kon­ny ver­misst ihn manchmal sehr.“ –
Ohne meine Antwort abzu­warten, platzte sie heraus: „Wusstest du eigentlich, dass Axel Kröger und Katja nach Australien ausge­wandert sind und eine Rinderfarm gepachtet haben?“ Ich schüttelte ent­geistert den Kopf.
„In der Nähe von Blackwater“, fuhr sie aufgeregt fort. „Zwei Brüder von Onkel Axel arbeiten dort schon seit Jahren in derselben Branche.“
Ich wurde augenblicklich von einer riesigen Welle der Er­leichterung über­rollt, was Kora offenbar nicht verbor­gen blieb, denn sie musterte mich plötzlich mit einem merkwürdigen Blick. –
„Und was machst du hier in Lübeck?“, fragte ich hastig. „Ich dachte, du lebst jetzt in der ehemaligen Hauptstadt?“
„Ich habe Mutter besucht und wollte mir noch ein wenig die Stadt anschauen. Ich finde, Lübeck wird von Jahr zu Jahr schöner“, erwiderte Kora lächelnd.
Im Laufe unseres Gesprächs erfuhr ich, dass die Geschwister ihr Lachauer Elternhaus vor einigen Wochen verkauft hatten. Nachdem Koras und Konnys Mutter Selma Gerlach, die im Unglückssommer 1963 nieder­geschlagen und beraubt worden war, vermutlich von jenem Mann, der im Herbst des Vorjahres den Gutsverwalter Knut Knudsen erschossen hatte, sich im nahen Lübeck niedergelassen hatte, waren Kora und Konny in ein Dorf nahe Berlin gezogen, um in der Hauptstadt eine Galerie zu eröffnen. Sie hatten sich beide der Kunst verschrieben. Vom sonst eher fried­lichen Landleben nachhaltig ge­prägt, wollten die Geschwister dessen wohltuende Stille nicht gänzlich missen.
„Also doch …!“ – Hannes grinste jungenhaft, als ich ihm die überwältigende Neuigkeit verkündete. Nur mit großer Mühe gelang es mir, meine Aufregung im Zaum zu halten. Eigentlich wollte ich ja ..., fuhr mein Göttergatte fort – und stockte verlegen; aber seine Au­gen leuchteten wie zwei schwarzgraue Nachtwolken, die durch den Gold­staub der Sterne gewandert waren. Ich ahnte, dass er in diesem Moment weniger an seinen Vater als an Katja dachte.
In den letzten Jahren, als es Hannes gesundheitlich immer schlechter ging, war ich einige Male drauf und dran, Kontakt mit Axel Kröger aufzunehmen; denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vor­stellen, dass er seinen einzi­gen Sohn für immer aus seinem Leben verbannt hatte. Wenn Katja nicht gewe­sen wäre ... wenn ich Katja nicht in seiner Nähe ver­mutet hätte ...
Ich wusste, dass mich die ständigen Grübeleien keinen Schritt weiterbrach­ten, und als mich die freundliche Pastorin kürzlich fragte, wes­halb ich an man­chen Tagen so niedergeschlagen sei, ob ich irgendetwas mit mir herumschlep­pe, das mich außer der verständlichen Trauer um Hannes be­drücke, ver­traute ich ihr an, was mir seit Jahrzehnten bleischwer auf der Seele lag. Ich bereue diesen Schritt keine Sekunde lang und befolgte den Rat der jungen Frau: Ich suchte – und fand Katja.

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Dies ist der Prolog zu meinem ersten Buch, damals, in Hamburg; ich glaube, ich habe es schon 2007 begonnen. Es hat ca. 400 Seiten und es fehlen nur noch zwei Kapitel. Gestern Nacht erlebte ich eine freudige Überraschung: Ich habe das Buch damals mit einem anderen Schreibprogramm begonnen: „Starwriter" (im übrigen kein schlechtes Programm) – hatte schon sehr, sehr viel geschrieben und wollte es dann ins Wordprogramm kopieren. Es ging leider nicht; es funktionierte tatsächlich nicht. Ich war sehr niedergeschlagen und hatte irgendwann begonnen, alles neu abzuschreiben – ins neue Wordprogramm. Gestern Nacht, beim erneuten Abschreiben, mein damaliger Computer war vor einem Jahr abgestürzt und sämtliche Dateien vernichtet und auch von einem Fachmann nicht wiederherstellbar, habe ich – so nebenher beim Schreiben – einfach aus einer Laune und Resignation heraus, versucht, ein Wort von der Starwriter Version, die ich nebenbei geöffnet hatte, zu kopieren und ins Wortprogramm einzufügen – es funktionierte. Heureka! – Mann, war ich happy – und habe natürlich gleich den ganzen Text ins Wordprogramm kopiert. Viel einfacher für mich nun! Sogar die verdeckten Zeichen der Trennungsstriche habe ich, technisch wenig versiert, ausschalten können. Lacht bitte nicht, ja! – Ich weiß, das bedeutet lediglich die Fortnahme eines Häkchens (sofern man herausfindet, wo es sich befindet), trotzdem habe ich mir ganz sanft auf die Schulter geklopft; es war immerhin gegen drei Uhr nachts und ich längst nicht mehr taufrisch im Kopf. – Ihr bekommt mein Buch zuerst zu lesen; dabei kann ich es gleich korrigieren. – Ach ja: für Axel: Den Namen Axel (Kröger) habe ich bereits 2007 „erfunden". Er hat nichts mit dir zu tun und du darfst dich nicht daran stören. Außerdem ist Herr Kröger ein ganz lieber Mensch. Hoffentlich gefällt euch mein Jugendkrimi, der ebenso gut von Erwachsenen gelesen werden kann. Es wird noch sehr spannend. Liebe und gleichermaßen gefährliche Sommergrüße von Anne-Li.

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