Justine oder vom Missgeschick der Tugend - Page 158

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Aufforderung dieser reichen Kanaille, alles dies brachte sie eben in Verwirrung, als derselbe Lakai, der sie besucht hatte, sie in ein dunkles Kabinett führte, in dem ihr früherer Peiniger sie erwartete. Saint-Florent erhob sich nicht, sondern gab ein Zeichen, daß man ihm allein lassen möge, und lud Justine ein, sich zu setzen. »Ich habe Sie sehen wollen, meine Liebste, sprach er, mit dem frechen Ton der Ueberlegenheit, nicht, weil ich glaube gegen Sie ein großes Unrecht begangen zu haben, aber ich erinnere mich, daß Sie in der kurzen Zeit, während welcher wir beisammen waren, viel Geist gezeigt haben. Dessen werden Sie für meinen Vorschlag auch bedürfen, sollten Sie annehmen, so steht Ihnen mein Vermögen zur Verfügung, im gegenteiligen Falle erhalten Sie natürlich nichts.« Da Justine etwas erwiedern wollte, fuhr Saint-Florent fort. »Lassen wir das Geschehene ruhen. Sie waren jung und hübsch, Justine, Sie waren meine Nichte, wir befanden uns in einem Wald, Sie besaßen die Blume der Unschuld und ich habe Sie eben vergewaltigt.« »Vielleicht wollen Sie mir aber sagen, warum ließen Sie mich ohne Hilfsmittel auf einer gefährlichen Straße inmitten der Nacht zurück.« »Ah, Justine, die Gründe hiefür würde ich Ihnen vergeblich zu erklären trachten. Sie hatten mich verpflichtet Justine, Sie hatten mir geholfen meine Fessel zu lösen, mit einem Wort, Sie hatten Anrecht auf meine Dankbarkeit. Giebt es aber für eine Seele, die der meinen gleicht, einen triftigeren Grund zu allen erdenklichen Verbrechen?« »Mein Herr, welche Grausamkeit.« »Lassen wir das jetzt, mein Kind, und kommen wir auf den Gegenstand zurück, weswegen ich Sie sehen wollte.«

Die außerordentliche Neigung für Jungferschaften hat mich noch nicht verlassen. Es ist mit ihr ebenso wie mit[380] allen anderen Leidenschaften, je mehr man altert, desto stärker werden sie. Jeden Tag benötige ich zwei Kinder zur Opferung. Habe ich mich an ihnen befriedigt, so müssen diese Geschöpfe aus der Stadt verschwinden, ich könnte die Freuden des nächsten Tages nicht rein genießen, wenn ich daran denken müßte, daß mein Opfer von heute, noch dieselbe Luft mit mir atmen, das Mittel mich ihrer zu entledigen ist einfach. Würdest du es glauben, Justine, das die Langnedoc und die Provence durch mich bevölkert wird.30

Eine Stunde, nachdem diese kleinen Mädchen mir gedient haben, werden sie von meinen Handelsleuten eingeschifft und dann mit Kupplerinnen von Nîel, von Montpellier, von Toulouse, von Aix und Marseille verkauft. Dieser Handel entschädigt mich reichlich für meine Selbstkosten und befriedigt gleichzeitig meine anderen Hauptleidenschaften, die Wollust und die Geldgier. Es ist mir aber zu anstrengend, immer neue Objekte zu entdecken und zu verführen, außerdem will ich, daß sie alle aus den Asylen des Elends stammen. Ich lasse daher alle diese Zufluchtsstätten unbarmherzig durchstöbern, und man macht sich keinen Begriff davon, wie reichhaltige Ernte sie mir geben. Ich gehe aber noch weiter. Ich trachte durch meinen allmächtigen Einfluß in der Stadt, die Preise der Lebensmittel in die Höhe zu treiben, damit neue Opfer in meine Arme strömen. Trotz aller Mühe jedoch bedarf ich einer jungen intelligenten Frau, die die Pfade des Unglückes beschriften hat, und dadurch fähig ist, die Elenden besser zu verführen. Ich besaß eine derartige Frau, allein sie starb. Man kann sich nicht vorstellen, wie weit diese Frau ihre Niederträchtigkeiten trieb. Dieses Wesen sollst du ersetzen, meine Teuere. Du sollst zweitausend Taler jährliches Einkommen haben und vier Weiber sollen deinen Befehlen gehorchen. Antworte Justine, aber laß dich nicht von Hirngespinsten zurückhalten, dein Glück zu machen, wenn die Hand des Schicksals »es dir darbietet.«

»O mein Herr,« erwiederte schwankend Justine, »wie können Sie derartige Grausamkeiten erfinden und wie können Sie mir zumuten, daß ich Ihnen dabei helfe. Grausamer Mann, wären Sie nur zwei Tage unglücklich, Ihr Herz würde sich ändern. Gerechter Gott, nicht nur, daß[381] Sie mit dem Elend Mißbrauch treiben, Sie wollen es noch vermehren, und um ihre Begierde zu befriedigen, welche Grausamkeit. Die wildesten Tiere sind nicht herzloser.« »Du täuschest dich, Justine, es giebt nichts, was der Wolf nicht anwenden würde, um das Lamm in seine Falle zu locken. Diese Listen werden uns von der Natur eingegeben, die Woltätigkeit aber nicht. Ich frage Sie also nochmals, wollen Sie meinen Vorschlag annehmen oder nicht?« »Ich weise ihn natürlich zurück,« erwiederte Justine, und erhob sich, »o ich bin arm mein Herr, trotzdem fühle ich mich reich, weil mich die Gefühle meines Herzens entschädigen.« »Hinaus,« sprach kaltblütig der abscheuliche Mann, »und daß Sie mir nicht schwatzen, ich würde Sie sonst an einen Ort bringen, wo Ihnen das unmöglich fallen würde.«

Nichts ermutigt die Tugend so, wie wenn das Laster sie fürchtet. Mutvoller, als sie selbst es gedacht hätte, versprach Justine Verschwiegenheit zu bewahren, wenn man ihr das geraubte Geld zurückgeben würde. »Sie müssen daran denken, mein Herr, daß das Geld mir gerade jetzt unentbehrlich ist,« sprach sie. Allein das Ungeheuer erwiederte, daß es an ihr läge, wenn sie etwas verdienen wolle, und daß er nicht im geringsten die Verpflichtung in sich fühle, ihr zu helfen. »Nein, mein Herr, erwiederte sie mit Festigkeit, ich möchte tausendmal eher zugrunde gehen, als mein Leben um diesen Preis zu verkaufen.« »Und ich,« entgegnete Florent, »ich gebe nicht gern mein Geld jemanden, der es nicht verdient. Trotzdem Sie mir mit großer Frechheit geantwortet haben, will ich Ihnen noch eine Viertelstunde Bedenkzeit geben.« »Ich werde auf keinen Fall ihren niederträchtigen Leidenschaften dienen,« entgegnete Justine frostig, »übrigens verlange ich von Ihnen kein Almosen, sondern daß, was Sie mir schulden, und daß Sie mir auf die schandloseste Weise gestohlen haben. Behalte es, grausamer Mann, aber denke daran, daß ich dadurch das Recht erwerbe, dich zu verraten.«

Nur hätte Justine daran denken müssen, daß die Tugend auch dann nicht glücklich ist, wenn sie eine derartige Sprache führt. Saint Florent klingelte, der Kammerdiener erschien, und »hier ist ein kleines Geschöpf,« sprach er, daß mich ehemals bestohlen hat, ich müßte Sie hängen lassen, wenn ich meine Pflicht erfüllen wollte, trotzdem jedoch will ich ihr das Leben retten und nur um die Gesellschaft von ihr zu befreien, will ich sie zehn Jahre lang in unserem Zimmer gefangen halten.

Lafleur bemächtigte sich alsbald Justinens, die durchdringende Schreie ausstieß. Saint-Florent sprang wütend auf, verband ihr

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Veröffentlicht / Quelle: 
Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine. 1906
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