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ist der Haupt-Grund zur bürgerlichen Herrschaft, denn die bürgerliche Ideologie hat gerade in den Schichten, die sie abzuschaffen interessiert sein müßten, den größten Anschein der Wahrheit. Die Wahrheit der bürgerlichen Ideologie wird auf dem Weg nach oben immer fadenscheiniger und irgendwo auf der Bergschulter zwischen mittlerer und hoher Bourgeoisie wird sie auch ihren Mitgliedern als Blendwerk bewußt, als Herrschaftssystem erkannt und angewandt. Die nächsten Zeilen werden das näher erläutern.
Der aus den untersten Schichten Aufbrechende sieht sich zunächst einem bourgeoisen Konkurrenzprinzip ausgesetzt und es ist auch auf dieser Stufe des Kampfes noch möglich, den dabei siegreich hervorgehenden Genossen als den tüchtigeren anzusehen - zumindest nicht als den untüchtigeren unter Gleichtüchtigen. Er akzeptiert den Glücksfaktor innerhalb der Konkurrenz Gleichtüchtiger, mit der Hoffnung, auch ihm kann das Glück einmal hold sein. So wie er dem Nachbarn den Lottogewinn gönnt, das Los wird auch einmal auf ihn fallen. Es darf auf jeden Fall nicht der Untüchtigere aufsteigen, sondern einer unter Gleichen. Wenn das Glück einen Untüchtigeren träfe, würde das System ja schwindeln und in dieser Volksschicht tut es das offensichtlich nicht, außer in sehr korrupten Staaten, wo das Lebensprinzip der bourgeoisen Korruption bis in die untersten Schichten gedrungen ist.
Das viel zitierte Glück des Tüchtigen ist natürlich kein zufälliges. Einer wird unter Gleichtüchtigen deshalb bevorzugt, weil seine für die momentane Stufe unspezifischen zusätzlichen Eigenschaften ihn die zukünftige Entschleierung des Systems an der Bergschulter leichter verkraften lassen.
Das System schwindelt innerhalb der untersten Schichten nicht. Bei Gleichtüchtigen gilt das Glück als Erfolgsbegründung oder die doch größere Cleverness. Der Chef hat wahrscheinlich mehr Einsicht, mir fehlt halt etwas, es ist schon alles richtig so. Karl hat das Rennen gemacht. Prost drauf, es sei dir gegönnt, das System ist in Ordnung. Das bourgeoise System wird innerhalb der unteren Schichten als funktionierend und nicht ungerecht - mein Gott, vollkommen ist nichts auf Erden - anerkannt. Immer wieder steigen Kumpel aus unseren Reihen auf und es scheint fast, daß einer nach dem anderen im Nebel verschwindet. Karl kommt noch manchmal bei uns vorbei und berichtet von seinen Erfolgen. Oben wird er empfangen als neuer Garant des Systems. Das System hat ein Plansoll an Aufstiegen, wer raufkommt ist gleichgültig. Karl wird von den alten Genossen bewundert, der verflixte Hund, man muß es ihm schon lassen.
Was ist das für ein seltsames System, das für die Massen als lauter erscheint und es im Rahmen der von der bürgerlichen Ideologie definierten Tugenden auch ist und für die Oberen voll Lüge ist, sich als System der totalsten Ausbeutung der gesamten Geschichte entpuppt, gerade aber Ausgebeuteten, die keine Analphabeten mehr sind und keine Leibeigenen mehr, die so viel Macht haben wie nie zuvor, wahrhaft mehr als die Herrschenden. Das Mißverhältnis der Macht zwischen Beherrschten und Herrschenden war noch nie so groß, aber den Beherrschten ist das System das fortschrittlichste, allen am meisten bietende und gerechteste, erstens infolge seiner Gerechtigkeit in der Massenbasis und zweitens infolge des Cliquengeistes und der Femebruderschaft in der Führungsschicht. Die Ausbeuterklasse ist sich der Schizophrenie des Systems durchaus bewußt. Sie verschleiert das Bild von Sais, sie verschleiert die Maja und verdeckt die Wahrheit, denn das System muß aufrecht erhalten werden, sonst bricht alles zusammen.
Wenn das Argument der Tüchtigkeit gilt und die Armseligen als das Produkt der eigenen Untüchtigkeit anzusehen sind, wenn also der Tüchtige das, was er hat, wirklich verdient und der Untüchtige eigene Schuld an seinem Unglück hat, dann muß es möglich sein, die armen Schichten des Volkes auszurotten, ohne daß das Niveau der übrigen Gesellschaft sinkt.
Man muß eine Maschine bauen, die jeden, der unter ein soziales Niveau sinkt, in dem er mehr kostet als einbringt, vernichtet, dann ist nach der Theorie der wohlverdienten Belohnung der Tüchtigen die Armut ausgerottet und die verbleibende Menschheit erfreut sich eines angemessenen Standards. Wenn das aber nicht die Folge ist, dann leisten die Versager für die Gesellschaft etwas unerklärlich Transzendentes. Die Versager sind die Vorhut einer neuen Menschheit. Marx spricht nicht von der Ökonomie als solcher, er erlebt die Wirklichkeit nur als einen riesigen verschlüsselten Traum. Das humane Denken ist ein Trick, um das dagegen zu setzende ökonomische Denken nicht aufgeben zu müssen. Es ist ein die Menschen entwürdigendes System, das hier die Wirtschaft, dort die soziale Verantwortung der Gesellschaft ihren Schwachen gegenüber - beides robuste Exemplare der nächsten Menschheitsmutation - definiert. Brennt also die Sozialämter nieder, ist zu folgern, verjagt diese guten Menschen, die sich um die Unfähigen kümmern.
Wenn der Lebensstandard infolge der Vernichtung der armen Schichten aber sinkt, dann ist der hohe Standard der Oberen nicht eine Folge gerechter Zuweisung durch höhere Leistungen, sondern man muß von Ausbeutung der unteren, ja gerade der armseligsten Schichten durch die Oberen sprechen. Wenn ohne die Armen dann Generaldirektoren die Straßen fegen müssen, begreifen sie, wie sehr dieser Beruf gegenüber ihrer eigenen Tätigkeit unterbezahlt war. In einer Millionärsgesellschaft müssen ja die Straßen zu Millionärslöhnen, oder entsprechend ihrer Anstrengung gar zu höheren, gefegt werden, sonst bliebe es keine Millionärsgesellschaft. In einer von den Versagern gereinigten Gesellschaft werden dann wohl gerade die Mutigsten und Stärksten den Sühnepart der Armut aus eigenem Antrieb für die Menschheit übernehmen müssen.
Regelmäßig den in Armut verfallenen Teil der Bevölkerung zu vernichten, aufdaß das ganze Volk im Reichtum lebe, ist das nächst mögliche Weltsystem. Abbau des Sozialstaates, Angst, Weltuntergangsstimmung. Medien voll Mord und Todschlag, Kriminalität, ich erlöse dich durch Mord, den nehme ich voll Erbarmen auf mich. Helden, die aus Erbarmen vor einer grausigen Zukunft ihre Kinder töten, Penner von ihrem Leid erlösen, Huren. Was stimmt da nicht?
Die Behauptung, daß man es durch Tüchtigkeit, und nur durch Tüchtigkeit, schwingt da mit, zu etwas bringt, impliziert, daß die, die es zu etwas gebracht haben, es durch Tüchtigkeit dazu gebracht haben. Sie glauben es gar selber, machen das ihren Angehörigen vor. Das fixiert sie noch weiter auf Tüchtigkeit und entfremdet sie in des Wortes voller Bedeutung.
Revolutionen kommen aus der Faulheit gegen die von den Herrschenden definierte Tüchtigkeit. Faulheit ist Ablehnung, am gesellschaftlichen Spiel mit Tüchtigkeit, das ist mit der ganzen Person, teilzunehmen. Die Tüchtigkeit des Anarchisten oder des Guerilleros gibt es im öffentlichen Sprachgebrauch nicht - kriminelle Energie