Schwarzes Kolorit (Leseprobe: Kapitel 1) - Page 9

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Umfeld, Dr. Kollwitz oder Simone befragt. Auch, ob ihr etwas Ungewöhnliches auf der Weihnachtsfeier oder am dem Tag davor aufgefallen wäre. Doch niemand hätte auch nur im Entferntesten ahnen können, welch grausames Schicksal einer so wundervollen Person widerfahren würde. Die Ermittlungen der Mordkommission liefen zwar noch, jedoch hätte man nun bis auf weiteres keine Fragen mehr an Sophie zu richten. Sie beschloss am Tag ihres letzten Verhörs, einen Spaziergang zu jenem Ort zu machen, an dem Katherine tot aufgefunden wurde. Man hatte zwar noch keine offizielle Bestätigung vorliegen, trotzdem war man sich sehr sicher, dass der Mord unmittelbar nach der Weihnachtsfeier passiert sein musste. An diesem Abend hatten alle gemeinsam gegen 23:30 Uhr das Restaurant verlassen. Simone und Jacob, sowie Dr. Kollwitz fuhren mit ihren Autos nach Hause. Sophie und Katherine hingegen nahmen die letzte Straßenbahn an diesem Abend, in die sie kurz vor Mitternacht noch gemeinsam einstiegen waren, ehe sie sich auf halbem Wege in unterschiedliche Richtungen trennten. Dr. Kollwitz fuhr am Tag nachdem Katherine nicht auf der Arbeit erschien, noch zu ihrer Wohnung. Doch als sie ihm nicht öffnete, verzichtete er darauf gleich zur Polizei zu gehen. Auf Sophies Frage, warum er sich nicht mehr bei ihr meldete, obwohl er es ihr eigentlich versprochen hätte, rechtfertigte er sich mit der Begründung, dass er sie nicht unnötig damit beunruhigen wollte. Zwar hätte sie ihm seine Entschuldigung gerne geglaubt, nur fiel ihr dies nicht leicht. Sie machte ihm insgeheim sogar Vorwürfe an Katherines Tod, denn vielleicht könnte sie noch leben, wenn er ihr Verschwinden gleich gemeldet hätte. Aber sie wusste auch, dass die Polizei wohl erst nach einer erwachsenen Person fahnden würde, wenn der Verdacht einer Gefahr bestünde oder sie geistig verwirrt wäre. Jedoch selbst die Vermutung der Staatsanwaltschaft, Dr. Kollwitz könnte irgendetwas mit Katherines Ermordung zu tun haben, erschien Sophie völlig absurd. Denn das Verhältnis zwischen den Beiden hätte Dr. Kollwitz sicher keinen Grund dafür liefern können, ihn als Täter zu verdächtigen. Vor allem, da auch er mindestens genauso wie Sophie psychisch unter Katherines Tod litt. Dr. Kollwitz konnte lange Zeit seiner Arbeit nicht mehr nachkommen, sodass die Praxis bis auf weiteres geschlossen blieb. Zumindest solange, bis zu Katherines Beerdigung. Während sich Sophie nun dem Waldstück näherte, in dem die Leiche gefunden wurde, wuchsen in ihr schuldhafte Vorwürfe. Vielleicht hätte sie auch etwas machen können. Schließlich gab es für Katherine nie irgendwelche Ausreden, wenn Sophie mal ihre Hilfe benötigte. Oft hatte sie ihr während ihrer Ausbildungszeit Mut und Zuversicht zugesprochen. Vor allem wenn sie irgendwelche Zweifel bedrückten, ihre Lehre nicht erfolgreich zu Ende bringen zu können. Sophie haderte mit sich selbst, dass es sicher kein Problem gewesen wäre, Katherine an diesem Abend noch bis zu ihrer Haustüre zu begleiten. Die Gedanken machte sie so wütend auf sich selbst, dass sie am liebsten den Hass aus ihrem Inneren herausschneiden wollte. Sie spürte förmlich den Druck, der ihr Blut überkochen ließ und wäre sie in diesem Moment zuhause gewesen, so hätte sie sich mit dem Messer selbst beholfen. Sie wollte diese Anspannung aus sich herausbluten lassen. Als sie den schmalen Waldweg erreichte, an dem Katherine ihren Mörder begegnet haben soll, bemerkte sie, wie eisige Kälte an ihren Beinen hochstieg und nach kurzer Zeit bereits ihren ganzen Körper zittern ließ. Sophie konnte schon einige Tage nichts mehr essen und ihre Energielosigkeit machte selbst kleinste Spaziergänge zum reinsten Kraftakt. Ständig fühlte sie sich müde und fror, wenn die Heizung in ihrer Wohnung nicht auf höchste Stufe eingestellt war. Erschöpft ließ sich Sophie auf die feuchte Holzbank fallen, die am Wegesrand Richtung Abgrund stand. Von da aus konnte sie einen Blick auf den Fluss werfen, der zwischen kleinen Lücken von mit schneebedeckten Bäumen hervorblitze. Hinter ihr erklangen ab und an die dumpfen Schritte von Fußgängern, die unter ihren dicken Winterstiefeln den feuchten Matsch in den aufgeweichten Boden des Gehwegs drückten. Es machte sie jedes Mal nervös, wenn sie jemanden direkt hinter sich vorbeigehen hörte. Sie befürchtete, es könnte sich dabei um den Mörder von Katherine handeln, der es nun auf sie abgesehen hätte. Ruhig atmend versuchte Sophie die Nebengeräusche um sich herum auszublenden und sich an den Sonnenstrahlen zu wärmen, die zwischen den tiefhängenden Baumwipfeln hindurchdringen konnten. An diesem Tag war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen, sodass es nach langer Zeit einmal aufgehört hatte zu schneien. Sophie hoffte, dass es auch in den nächsten Tagen, wenn die Trauerfeier stattfindet, so bleiben würde. Doch als der Tag gekommen war, regnete es aus Strömen und der Schnee wurde schwer und klebrig.
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Die Beisetzung fand an einem Samstagmorgen im Dezember statt und nur wenige von Katherines fernen Verwandten machten sich auf den Weg zum Friedhof. Hauptsächlich waren es aber alte Bekannte, von denen sie schon einige Jahre nichts mehr hörte. Die meisten von ihnen hatten nur über eine Todesanzeige in der Zeitung von Katherines Ableben erfahren. Der Regen veranlasste bereits vor Beginn des ersten Gebets viele Menschen das Begräbnis zu verlassen. Was Sophie zwar sehr verärgerte, doch überraschte es sie nicht, denn es bestätigte nur ihre ständig wachsende Abneigung gegenüber scheinheiligen Menschen, die sich lediglich an ihrer eigenen Schaulustigkeit zu ergötzen schienen. Sophie selbst konnte nicht an einen Gott glauben konnte. Umso zynischer fand sie es, dass ausgerechnet sie es war, die bis zum Ende des letzten Gebetes und darüber hinaus am Grab verweilte, während bekennende Gläubige sich nur darüber echauffierten, dass die Angehörigen auf einen Leichenschmaus verzichteten. Die eigentliche Beisetzung dauerte kaum eine halbe Stunde und als der Pfarrer zum Gebet bat, versteckte sich Sophie vor den teilnahmslos wirkenden Blicken aller Anwesenden. Da sie nicht sehr groß war, konnte sie gut unter ihrem großen Regenschirm abtauchen. Sie wollte es vor allem vermeiden, sowohl von Dr. Kollwitz, als auch Simone gesehen oder gar angesprochen zu werden. Am liebsten wollte sie sich nur noch in ihrer eigenen Wohnung verkriechen. Es fiel ihr besonders schwer mitanzusehen, wie der langsam in die Tiefe sinkende Sarg Schritt für Schritt im Erdreich verschwand und Katherine von nun gänzlich Sophies Leben verlassen hatte. Nachdem die Trauerfeier offiziell beendet wurde

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