Stromausfall - Page 14

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von Bernd H. Schulz

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würde sich gerne auf die Couch legen und ausspannen, doch dieser Einsatz hat in der folgenden Nacht die alles entscheidende Phase und er muss sicherstellen, dass an den Standorten, an denen der Auftrag ausgeführt wird, alles planmäßig läuft.
Dazu legt er sein Tablett auf den Couchtisch. Für den Fall, dass das Gerät abhanden kommt, sind nur uninteressante Statistiken und Pseudo-Geschäftsbriefe gespeichert. Alle relevanten Daten sind auf einer Cloude hinterlegt. Wie auf dem Tablett sind auch auf dem Smartphone, das er aus seiner Jackentasche zieht, nur Fake-Daten abgelegt.

19.00 Uhr
Das Vibrieren des Telefons auf der dunklen Glasplatte stört ihn, während er sich die Kennwörter zum Erreichen der Cloude ins Gedächtnis ruft.
An der angezeigten Nummer erkennt er, dass der Anrufer Peter ist. „Ja, bitte.“

„Ich bin`s. Du wolltest Unterstützung. Diese Unterstützung bekommst du gegen zwanzig Uhr. Wie ist deine Zimmernummer?“

„Ich bin in der Suite sechhunderteins.“

„Okay. Gamma wird kommen und sich als deine Frau ausgeben und auch in der Suite wohnen.“

„Wenn es sein muss. Ich wollte heute Morgen eine Unterstützung haben, da war es eng. Für was brauche ich jetzt eine Unterstützung? Ich bleibe hier und überwache alles.“

„Sicher ist sicher. Es muss alles gelingen, ohne Patzer.“

„Okay.“

Was soll ich heute Nacht mit irgendeiner Gamma in der Suite. Ich will meinen Einsatz erfolgreich beenden und dann abhauen, geht es Mike durch den Kopf.

Inzwischen hat das Tablett die Verbindung zur Cloude aufgebaut. Es sind keine Stressnachrichten hinterlegt. Mike geht zum Schreibtisch, nimmt die Speisekarte und sucht sich ein Abendmenü aus.
Wenn Gamma gegen zwanzig Uhr kommt wird sie sicher auch Hunger haben. Dann bestelle ich für sie gleich mit, so dass es kurz nach acht gebracht werden kann. Ab neun wird es vielleicht zu hektisch für ein gemütliches Abendmenü. Ich bin ja neugierig wer Gamma ist. Hoffentlich können wir ohne Stress zusammen arbeiten, auch wenn es nur für ein paar Stunden ist, hofft Beta.

Der Agent öffnet wieder die zweiflüglige Tür zur Dachterrasse. Die abendliche Frühsommerluft ist mild und windstill. Er wischt mit seinem weißen Taschentuch den Staub vom Terrassentisch und einem Stuhl. Aus dem Pilotenkoffer holt er sein Rauchutensilien und zündet sich eine Zigarre an.
Erste entspannte Züge und sein Blick über den Acker zum Wald bis hin zum Horizont lassen ihn den Stress des Jobs vergessen. Doch nur für einen kurzen Moment. Dann erinnert er sich an die Anstrengungen der letzten Tage. Warum immer diese Anspannung? Immer nur einhundert oder besser hundertfünfundzwanzig Prozent geben. Und dann passiert etwas vollkommen Unvorhergesehenes. Da kann ich noch so viel planen und absichern. Dann muss ich mich auf meine Erfahrung und meinen sechsten Sinn verlassen.
Mike nimmt einen Schluck Wasser, das er mit auf die Terrasse gebracht hat und pafft einen kräftigen Zug an der Zigarre. Seinen Kopf gegen das hohe Teil des Terrassenstuhl gelehnt, schweift sein Blick zurück zu den wenigen Wolken an diesem Abend.
Warum immer anstrengen? Geht es nicht auch ohne Anstrengung? Die Amerikaner sagen >work harder<, arbeite härter, stärker, disziplinierter. Vor einigen Jahren kam der Ausdruck >work smarter< auf. Smarter, also schlauer, cleverer. Erst überlegen, dann loslegen und die beste, vielleicht auch die einfachste Möglichkeit, erkenne.
Seine Augen sind sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Gibt es darauf eine qualifizierte Antwort? Was war richtig? Work harder oder work smarter?
Er zieht kräftig an seiner Zigarre und fragt sich, was ihn in seiner Agententätigkeit am anstrengendsten ist. Jemanden körperlich zu überwältigen, das ist anstrengend. Körperlich, je nachdem wie schwer und kampferfahren derjenige ist. Jemanden zu überwältigen verlangt von allen Tätigkeiten die stärkste Konzentration.
Während er sich im Terrassenstuhl aufrichtet nimmt er wieder einen Schluck Wasser.
Ein Schusswechsel ist auch nicht gerade eine Erholung. Dabei gibt es keine körperliche Anstrengung, die psychische Anstrengung ist groß. Aber bei einer Festnahme ist sie größer. Auch, weil ganz weit im Hinterkopf die Angst lauert, selber überwältigt zu werden.
Mike sieht Situationen von Festnahmen vor seinem geistigen Auge. Bei BlackWater ist für mich bisher alles gut gegangen. Ich musste in der Zeit erst drei mal jemanden überwältigen.
Bei diesem Gedanken zieht er genüsslich an seiner Zigarre.
Es ist anstrengend. Wer sich anstrengt macht etwas falsch. Was mache ich falsch? Seinen Mund geschlossen, die Augen etwas weiter auf, blickte er ziellos zu dem Wald gegenüber.
Wenn ich mich nicht oder weniger anstrengen will, dann muss ich etwas anders machen als bisher. Ich muss dazu lernen oder mir zumindest ein anderes, effektiveres Vorgehen antrainieren. Sich anzustrengen ist deshalb falsch, weil das Ziel wahrscheinlich auch leichter erreicht werden kann. Nur, diese Alternative muss entdeckt werden.
Wenn sich die Menschen früher zum Beispiel beim Bau einer Kathedrale keine Gedanken darüber gemacht hätten, wie sie ihre Arbeit, die Steine zig Meter hoch zu wuchten, vereinfachen könnten, also weniger anstrengend machen, dann hätte nie einer einen Kran mit Umlenkrollen erfunden.
Und wenn die Steinzeitmenschen es sich nicht hätten leichter machen wollen, ihre Steine zu schleppen, dann hätte nie einer das Rad erfunden und wir wären heute noch Steinzeitmenschen. Und anstatt einer Pistole hätte ich eine Steinschleuder im Koffer. Dieser Gedanke lässt Mike etwas schmunzeln. Jetzt gönnt er sich wieder einen kräftigen Zug an seiner Zigarre. Der Satz ist doch wahr. Wer sich anstrengt macht etwas falsch, bestätigt sich Mike seine Erkenntnis.
Ein breites Lächeln steht in seinem Gesicht. Doch was kann ich bei einer Überwältigung vereinfachen?

An der Eingangtür summt es.
Das wird Gamma sein, ziemlich pünktlich.
Beta steht auf und geht ins Wohnzimmer. Er ist noch einige Schritte von der Tür entfernt, als die geöffnet wird.

Das Smartphone auf dem gläsernen Couchtisch vibriert. Der Agent macht einen Schritt auf den Couchtisch zu und erkennt, dass Peter der Anrufer ist. Er geht einen Schritt weiter und hebt das Smartphone an sein linkes Ohr.
Aus dem Augenwinkel heraus beobachtet er, wie jemand in die Diele kommt.

„Ja bitte.“

„Ich bin´s. Ist Gamma schon da?“

„Sie kommt gerade zur Tür herein.“

„Okay. Arbeitet professionell zusammen, keinen Stress. Verstanden!“

„Ja.“
Bevor ihm bewusst wird was Peter gemeint hat, starrt er mit großen Augen auf die Tür.

„Guten Abend du Mistkerl!“ schallt es ihm entgegen.
Wie in Trance nimmt er das Smartphone von seinem Ohr und legt es auf den Tisch. Seine Augen bleiben dabei

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